Bürgerbeteiligung im konstruktiven Dialog auf Augenhöhe

Interview mit Claudia Peschen

Die Bürgerbeteiligung wird in den nächsten Jahren vor allem bei Veränderungen im Lebensumfeld, in der Stadt-, Freiraum- und Wohnumfeldgestaltung eine große Rolle spielen. Claudia Peschen ist neue Mitarbeiterin der Deutschen Bundesgartenschau-Gesellschaft und zukünftig für Dialog und Bürgerbeteiligung in BUGA- und IGA Städten zuständig. Wir befragten Sie hier zu Zielsetzungen und Aufgabenstellungen.

DBG: Sie kommen in eine BUGA Stadt, in der die Wellen gegen die Gartenausstellung bei Bürgerumfragen und in der Presse hochschlagen. Wie analysieren Sie zunächst Interessen und Umfeld? Mit welcher Methodik gehen Sie vor?

Claudia Peschen: Inzwischen kommt es häufig vor, dass Großprojekte Widerstand in den betreffenden Kommunen auslösen. Grundsätzlich ist es wichtig, mit einer konstruktiven, wertschätzenden Haltung in einen solchen Prozess zu gehen. Kritik und Widerstand sind eine Chance. Die Auseinandersetzung damit eröffnet allen Beteiligten häufig neue Erkenntnisse. Wichtig ist es also sich frühzeitig über Akteure und deren Rollen und Meinungen einen Überblick zu verschaffen. Hierzu wird zunächst häufig eine Themenfeld-und Akteursanalyse durchgeführt unter Einbindung von persönlichen Gesprächen und auch bei Bedarf Meinungsumfragen. Sicherlich kann es auch hilfreich sein, sich schon zu Beginn eines Verfahrens gemeinsam über den Fahrplan für die Beteiligung zu verständigen (Beteiligungsscoping).

DBG: Wer muss mit Wem in Kontakt gebracht werden – haben Sie aktuell aus Mannheim ein Beispiel?

Claudia Peschen: In Mannheim ist es nach der Leitentscheidung Aufgabe, Anregungen für den Vorentwurf zu den Daueranlagen einzuholen. Hierbei ist es nicht nur wichtig, dass beispielsweise die Bürgerinnen und Bürger mit den Verantwortlichen der BUGA und den Planern in Kontakt gebracht werden, sondern auch, dass sie miteinander ins Gespräch kommen können. So können Beteiligte erkennen, dass schon in der Bürgerschaft unterschiedliche Interessen vorhanden sind. Darüber hinaus ist es wichtig, sich zu überlegen, welche Formate für welche Zielgruppe passend sind und wie diese angesprochen werden können. So sieht die aktuelle Beteiligung zu den Daueranlagen beispielsweise die Einbindung des Themas in den Jugendgipfel als Startschuss für die Jugendbeteiligung zur BUGA vor. Alle Überlegungen ergeben dann einen Beteiligungsfahrplan, in dem die verschiedenen Formate und deren Verknüpfung, sowie die Einbindung in die Gremien festgelegt werden.

DBG: Die klassischen bürokratischen Steuerungsprinzipien wie Hierarchie und Weisung greifen nicht, wenn man streitende Parteien der Zivilgesellschaft auf einen Konsens bringen will. Zu welchen Mitteln und Methoden greifen Sie, um das zu erreichen?

Claudia Peschen: Die Methoden, auf die ich häufig zurückgreife lehnen sich an das Verfahren der Mediation an und beinhalten Elemente der gewaltfreien Kommunikation. Meine Erfahrung ist, dass wie bereits schon beschrieben zunächst die eigene wertschätzende Haltung zu Konflikten Grundvoraussetzung ist, um diese Aufgabe anzugehen. Wichtig ist es, im ersten Schritt gemeinsam die Spielregeln für die Auseinandersetzung festzulegen. Die Konfliktparteien sollten zunächst ihre Anliegen vorbringen können, wobei es Aufgabe der Gesprächsleitung ist, Angriffe so zu übersetzten, dass die jeweils andere Partei zuhören kann. Wichtig ist es in Konflikten, Gefühle zu benennen und Interessen und Bedürfnisse herauszuarbeiten. Oft erkennen Konfliktparteien dann, dass sie ähnliche oder gleiche Bedürfnisse haben, aber ihre Strategien zur Erfüllung dieser unterschiedlich sind. Ist dieser Perspektivenwechsel gelungen ist der Weg bereitet, um gemeinsame Lösungen zu finden.

DBG: Welche Situationen schaffen Sie, um in möglichst guter Mischung einen Querschnitt der Bevölkerung zur Problemstellung aufklären zu können. Vielleicht haben Sie aktuelle Beispiele aus Ihren ersten Monaten bei der DBG?

Claudia Peschen: Wichtig ist es hierbei zu analysieren, welche Zielgruppe wie angesprochen wird, welche Informationskanäle von wem genutzt werden. So lesen Jugendliche beispielsweise nicht unbedingt die örtliche Presse. Am besten man fragt die Jugendlichen selbst, wie sie erreicht werden können. Bei offenen Formaten sind Ort und Zeitpunkt der Veranstaltung so festzulegen, dass möglichst viele Zielgruppen auch Zeit haben. Kinderbetreuung hilft jungen Familien, teilnehmen zu können. Aufwendig, aber erfolgreich, ist es sicherlich, dorthin zu gehen, wo die Menschen sind, um Sie zu interessieren und einzuladen. Hierzu sind wir in Mannheim derzeit in der Planung.

DBG: Wie verhindern Sie, dass Anregungen von Bürgern aus Ideenwerkstätten in der Schublade verschwinden?

Claudia Peschen: Schon beim Beteiligungsfahrplan wird mit den Verantwortlichen der BUGA festgelegt, wie die Ergebnisse der Veranstaltungen verbindlich in die Planungsprozesse einfließen. Grundsätzlich werden Protokolle erstellt, die auch für jeden zugänglich veröffentlicht werden. In einigen Verfahren kann es hilfreich sein, zum Beispiel Protokolle und Ergebnisse mit Bürgerredakteuren zu verfassen. In Mannheim wird es so sein, dass nach den verschiedenen Veranstaltungen zu den Daueranlagen eine „Feedbackveranstaltung“ angeboten wird. In dieser wird das beauftragte Planungsbüro darstellen, wie die Ergebnisse eingeflossen sind und dabei auch begründen, warum welche Anregungen nicht berücksichtigt werden konnten.

DBG: Wie wollen sie verhindern, dass bei Diskussionen bestimmte Gruppen überrepräsentiert sind? Es sollen sich ja nicht nur Rentner und Lehrer zusammenfinden.

Claudia Peschen: Zur Steuerung der Zusammensetzung gibt es verschiedene Bausteine: Ort und Zeitpunkt der Veranstaltung, Angebot von Kinderbetreuung, direkte Ansprache von Schlüsselpersonen für die Gruppen, die man auch in den Dialog einbeziehen möchte. Bewährt hat sich auch eine Mischung von offener Einladung und persönlicher Einladung. Das Verfahren der Zufallsauswahl ist zwar aufwendig, hat aber immer gezeigt, dass man hier eine sehr heterogene Mischung erhält.

DBG: Woran hapert es denn am häufigsten?

Claudia Peschen: Aus meiner Sicht ist es häufig schwierig, Menschen dazu zu bewegen, sich zu beteiligen, wenn die Entscheidungsspielräume am größten sind, da die Vorhaben dann oft noch in weiter Ferne liegen. Je weiter Planungsprozesse voranschreiten, umso mehr wächst das Interesse der Bürgerinnen und Bürger. Gleichzeitig werden die Spielräume enger. Neben diesem sogenannten Beteiligungsparadox ist die Fähigkeit nach einem konstruktiven Dialog auf Augenhöhe zwischen allen Beteiligten immer wieder eine Herausforderung.

DBG: Manche Bürger engagieren sich erst dann, wenn sie gegen etwas sind. Gibt es gutes und schlechtes Engagement?

Claudia Peschen: Aus meiner Sicht gibt es kein gutes oder schlechtes Engagement. Engagement ist für mich grundsätzlich positiv. Wenn jemand gegen etwas ist, ist es unsere Aufgabe zunächst zu verstehen, welche Interessen hinter der „Gegnerschaft“ stehen und die Gegner in den Dialog einzuladen und einzubeziehen.

DBG: Hat die Mediation Grenzen?

Claudia Peschen: Eine Mediation ist ein freiwilliges und ergebnisoffenes Verfahren ohne Erfolgsgarantie. Die wichtigste Voraussetzung für eine Mediation ist, dass alle Betroffenen ein gewisses Maß an Verhandlungsbereitschaft und Toleranz mitbringen und eine faire Lösung finden wollen. Mediation stößt zum Beispiel an Grenzen, wenn die Motivation bei den Konfliktparteien fehlt, eine Partei nicht mehr weitermachen möchte, Zeitdruck entsteht, es gravierende Unterschiede in den Wertvorstellungen gibt oder wenn bei einer oder bei beiden Konfliktparteien die Motivation fehlt. Falls dauerhaft keine Machtbalance zwischen den Konfliktpartnern erreicht wird und der Mediator zur Überzeugung kommt, dass einer der Partner in der Mediation nicht für sich einstehen kann die Mediation beendet werden.

Fakten

Organisation

BUGA Mannheim 2023 gGmbH

Gründung

April 2014

Sitz

E 3, 2, 68159 Mannheim

Aufgabe

Entwicklung einer militärisch genutzten Konversionsfläche und Umwandlung in ein Wohnquartier, das mit einem Grünzug an innerstädtische Bereiche angeschlossen wird. In 2016 stehen wichtige Etappenziele zur Plannung und Vorbereitung des Grünzugs Nordost und der BUGA an. Derzeit wird der Entwurf entsprechend dem Anpassungsbedarf geändert. Auch Veränderungen aus dem Bürger-Beteiligungsprozess – der weitergehen wird – finden Berücksichtigung. Bis zum Beginn 2017 soll diese Überarbeitung fertiggestellt sein.

 
Gelände

Entwickelt wird die BUGA / der Grünzug Nordost auf einem ehemaligen Kasernengelände auf dem die Spinelli Baracks standen.

Webseite

>> www.buga2023.de

Claudia Peschen sammelte als Landschaftsarchitektin ab 1991 umfangreiche Erfahrungen in verschiedenen Büros und der öffentlichen Verwaltung. Seit 2011 war Sie darüber als Moderatorin und zertifizierte Mediatorin freiberuflich im Bereich Konzeption, Schulung und Durchführung von Bürgerbeteiligungsverfahren in unterschiedlichsten Kontexten tätig. Von 2012 bis 2017 leitete Sie in einer Kommune die Stabstelle Projektmanagement und Bürgerbeteiligung. Auf Grund Ihrer langjährigen und vielfältigen Erfahrungen bringt Sie eine Mischung aus technischem, organisatorischem und kommunikativem Fachwissen in die Arbeit bei der DBG ein. Ihre besonderen Stärken liegen im Umgang mit Menschen, im kreativen und lösungsorientierten Denken, sowie dem Aufbau und der Pflege von Netzwerken.

Claudia Peschen erreichen Sie im Bonner DBG Büro unter der Rufnummer 0228/5398016 oder per e-mail: peschen@
bundesgartenschau.de