Gärtner führen keine Kriege

Preußens Arkadien hinter Stacheldraht

"Gärtner führen keine Kriege - das machen Politiker." Dieser Satz des ehemaligen Gartendirektors Dr. Harri Günther war ein Geschenk: Besser konnte kein Titel für eine Ausstellung passen, die sich mit den Auswirkungen des politischen Zeitgeistes auf ein international anerkanntes Kunstwerk auseinandersetzt.

Gärtner führen keine Kriege - das ist quasi Programm dieser Ausstellung. Es geht um die Frage, wie sich die Deutsche Teilung auf ein Kunstwerk ausgewirkt hat. Genauer: Wie haben sich Mauer, Stacheldraht und Streckmetallzäune auf die einst grenzenlos angelegte Potsdam-Berliner Gartenlandschaft rund um die Glienicker Brücke ausgewirkt? Der Park Babelsberg, der Neue Garten und der Park Sacrow gehören heute alle zum Weltkulturerbe der UNESCO. Die Ausstellung thematisiert die Poesie der Schöpfung im 19. Jahrhundert dieser Gartenkunstwerke die Brutalität ihrer Zerstörung im Kalten Krieg, und die Schönheit ihrer Heilung nach dem Fall der Berliner Mauer. So wird die Kulturlandschaft zum Spiegel der deutschen Geschichte der letzten 200 Jahre.

Von 1961-1989 verlief genau an der Wasserlinie der Parks die Demarkationslinie zwischen den politischen Systemen. Die Auswirkungen auf die von Peter Joseph Lenné und Hermann Fürst Pückler gestalteten Gartenkunstwerk war immens. Über 35 Hektar der historischen Parklandschaft war durch die immer perfekter ausgebauten Grenzanlagen zerstört oder nicht mehr erlebbar. Neben den Recherche-Ergebnissen aus diversen Archiven erzählen vor allem die Gärtner ihre Erlebnisse aus der bleiernen Mauerzeit und aus der Zeit der Heilung der zerschundenen Parkanlagen nach dem Mauerfall. Ihre Perspektive auf diesen Aspekt der Deutschen Teilung steht also im Mittelpunkt. Denn immer wieder hatten sie Mittel und Wege gefunden, die ihnen anvertrauten Gärten gegen das Grenzregime zu verteidigen: Dazu gehörte, die Grenztruppen zu narren, mit zivilem Ungehorsam Wachstum zu vermeiden, dort wo es die Grenzer wollten und zu fördern, wo es für sie ein Dorn im Auge war. Ihr Pendeln zwischen absoluter Ohnmacht und pfiffiger Schweijkjade ist es Wert - von ihnen selbst erzählt zu bekommen. In der Ausstellung werden die Gärtner in fast allen Räumen mit ihren Erlebnissen, Einschätzungen und Emotionen in den audiovisuellen Stationen präsent sein.

„Vor 150 Jahren sagte Peter Joseph Lenné, zu seinem Bauherren Prinzen Carl von Preußen als sie über den Jungfernsee - den `großen Gartensee´ von Glienicke aus blickten: 'Bleiben Sie immer Herr dieser Aussichten!' Was Lenné nicht wissen konnte:  120 Jahre später hat der Kalte Krieg uns diese Aussichten genommen. Und wir Gärtner standen hilflos dabei. Was sich im menschlichen im Kalten Krieg abgespielt hat, hat sich genauso im Garten abgespielt. Die Trennung war sehr deutlich zu spüren. Es waren ja die Schlösser und Gärten und das große Lennésche Gesamtkonzept in das Visir des politischen Zeitgeistes geraten. Die Grenzziehung hat die Parke voneinander getrennt - es gab keine bildlichen Verbindungen mehr. Die Mauern und die Grenzbefestigungen schnitten die optische Verbindung der Gärten untereinander ab“, sagt Harri Günther. Von 1959 bis 1992 diente er den einst Preußischen Gärten. Den Großteil der Zeit in der DDR bei der Verwaltung der "Staatlichen Schlösser und Gärten Potsdam-Sanssouci". „Die Seele ist zutiefst verletzt - bis heute - über das, was mit den Gärten geschehen ist und es wird vernarbt sein, aber nie vergessen“, sagt Günther. Bei ihm und seinen Kollegen hat diese Zeit Spuren hinterlassen.

„Die Grenze war für mich etwas ganz abscheuliches. Das Ausmaß der Zerstörung war so enorm, so niederträchtig. Das war einfach eine Gemeinheit, wie man mit so einem Kunstwerk umgegangen ist,“
sagt Heinrich Hamann der damals stellvertretender Gartendirektor war.

„Es war, als ob ein ganz großes Kunstwerk einfach zerstört wird. Als ob man mit einem Messer in einen Rembrandt schlitzt,“ sagt Karl Eisbein mit Tränen in den Augen. Der ehemalige Leiter des Parkes Babelsberg musste 25 Jahre lang mit ansehen wie 'sein' Gartenkunstwerk durch die immer perfekter ausgebauten Grenzanlagen systematisch zerstört wurde.

Anfang der 80er Jahre beobachtete er, wie Planierraupen der NVA quer über den Bowlinggreen unterhalb des Schlosses in Babelsberg fuhren, um eine Hundelaufanlage auszubaggern. „In diesem Moment dachte ich: merke dir wohin die Erde geschoben wird, damit du es deinem Nachfolger einmal sagen kannst. Denn ich ging davon aus, dass diese Grenzsituation nur eine begrenzte Zeit dauert. In den Zeiträumen, in denen wir als Gärtner zu denken pflegen, - 100, 150 Jahre - was ist das? Also in der Zeit - davon bin ich ausgegangen - wird diese Grenze auf alle Fälle fallen und die nachfolgenden Generationen haben die Möglichkeit all diese Schäden wieder zu beseitigen, und die wunderbare Kulturlandschaft hier wiederherzustellen. Ich hätte selber nie dran geglaubt, dass ich selber das noch erleben werde,“ sagte Eisbein sichtlich berührt.

Karl Eisbein und seine Kollegen gingen nach dem Fall der Mauer die Wiederherstellungsarbeiten mit ungeheurem Engagement an. „Das war die glücklichste Zeit meines Lebens,“ sagt Eisbein.  „Man sah ja nun ein großes Kunstwerk wiederentstehen. Das ist ja ein Weltkulturerbe, auf das die ganze Welt schaute, und da war das schon Balsam für die Seele,“ sagt Harri Günther.

Nur durch die spannenden und berührenden Geschichten der Gärtner wurde die Ausstellung überhaupt erst möglich. Der Potsdamer Maler und Fotograf Peter Rohn steuerte die Bilder aus der "verbotenen Zone" der Grenzgebiete in den Parkanlagen bei. Diese Zeugnisse eines paranoiden Sicherheitswahns im Kalten Krieg, die auch vor der Zerstörung eines international bedeutsamen Kunstwerkes nicht halt machten,  sind ein weiteres Memento gegen den Krieg. „Viellleicht können Blumen ja helfen Grenzen zu überwinden,“ äußerte Prof. Dr. Michael Seiler, in einer Geschichte der Ausstellung. Eine schöne Utopie.

Die Ausstellung ist auch ein Beitrag zum Lenné Jahr. Vor 200 Jahren begann Peter-Joseph Lenné mit seiner Arbeit für den Preußischen Hof und vor 150 Jahren starb der  wohl bedeutendste deutsche Gartenkünstlers des 19. Jahrhunderts. Gartenkunst und Politik (am 13. August ist der 55. Jahrestag des Mauerbaus) der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts in Zusammenhang zu bringen, ist Anliegen der multimedialen Schau im Schloss Sacrow.

Botschafterin der Ausstellung ist die ehemalige Bundesbeauftragte für die Unterlagen der Staatssicherheit, Marianne Birthler: "Der Ausstellungsort im Schloss Sacrow könnte nicht besser gewählt sein. Der zur Grenzzeit extrem malträtierte Lenné Park ist heute wieder in seiner atemberaubenden Schönheit erlebbar. Für die Besucher wird das nicht nur das Erlebnis einer sehr spannenden Ausstellung, sondern auch ein Ausflug in die Traumwelt des Preußischen Arkadiens."


Jens Arndt / Kurator

Informationen zur Ausstellung

Ort:
Schloss Sacrow
/ Krampnitzer Str. 33, 14469 Potsdam
Zeitraum:
16.7. bis zum 13.11.2016
Geöffnet: Fr-Mo / 11-18 Uhr

Eintritt: 9 Euro, ermäßigt 6 Euro

www.gaertner-fuehren-keine-kriege.de

Veranstalter ist der gemeinnützige Verein Ars Sacrow e.V.
Unterstützt wird die Ausstellung von der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg und der Stiftung Berliner Mauer.

Empfohlene Anreise: Mit dem Wassertaxi vom Hbf. Potsdam eine dreiviertel Stunde durch die Potsdam-Berliner Kulturlandschaft bis nach Sacrow.
Rückfahrt bei Vorlage des Tickets und der Eintrittskarte für die Ausstellung kostenlos.
www.potsdamer-wassertaxi.de

Medien zur Ausstellung

Im L & H Verlag ist das Buch „Gärtner führen keine Kriege“ von Jens Arndt erschienen.
192 Seiten, zahlreiche farb. und historische Abbildungen, 24.80 €
ISBN 978-3-939629-47-4
www.lh-verlag.com

Die von Vietinghoff Filmproduktion bietet die DVD "Gärtner führen keine Kriege" (D, 2016) - eine 45-minütige Film-Dokumentation von Jens Arndt - zum Preis von 13 Euro an. Anfragen zur DVD: vonvietinghoff(at)t-online.de