Jäger und Sammler

Ich weiß nicht, ob die Geschichte wirklich wahr ist, aber ich mag sie. Vor langer, langer Zeit hat es in Deutschland einmal eine Gärtnerei gegeben, die als erste seltene Waldlilien (Trillium) anbot. Der Preis war sehr hoch, trotzdem wollten viele Menschen unbedingt diese Raritäten besitzen und so bekam die Gärtnerei eine große Zahl von Bestellungen. Damals natürlich nicht als E-Mail oder SMS, sondern in Form von Briefen. Gefiel dem angeschriebenen Gärtner der Brief nicht oder war ihm die Zusammenstellung der gewünschten Pflanzen suspekt, bekamen diese Kunden zwar Stauden zugeschickt, die ersehnten Trillium waren aber nicht dabei. Auf den Bestellungen war dann vom Gärtner handschriftlich vermerkt: „Trillium haben Sie nicht verdient. Stattdessen weiße Primeln.“

Viele Menschen reagieren empört, wenn man ihnen diese Geschichte erzählt. Von Unverschämtheit und Arroganz ist dann die Rede. Ich finde das Verhalten des Gärtners gut und kann es verstehen. Ich erinnere mich dabei an eine sehr, sehr wohlhabende Dame, die völlig sauer reagierte, als man ihr in einer Gärtnerei eine damals sehr seltene und unglaublich schöne, gelbe Helleborus orientalis nicht verkaufen wollte. Sie hatte kaum Ahnung von den Pflanzen, hatte aber mitbekommen, dass diese Pflanze das Nonplusultra der momentanen Helleborus-Züchtung war. Deshalb sollte diese Pflanze in ihren Garten. Sie hat für die Pflanze wirklich viel Geld geboten, aber der Gärtner wollte nicht. Richtig empört war sie dann, als sie etwas später mitbekam, dass eine andere Frau die Pflanze zu einem lachhaft geringen Preis bekam.

Die Empörte war mit einer Welt in Berührung gekommen, in der ihr Geld nicht wie gewohnt der Türöffner zum Paradies war, sondern irgendetwas Geheimnisvolles, von dem sie offensichtlich keine Ahnung hatte. Es geht um Leidenschaft. Um die Leidenschaft, mit der Menschen Dinge betreiben und mit der sie dann auch häufig anfangen, Dinge zu sammeln. In grauer Vorzeit gab es dafür das Wort Hobby oder Steckenpferd. Natürlich werden in der Welt der Leidenschaften auch Preise bezahlt. Fragen Sie mal die Schneeglöckchenfritzen.

Aber können Sie sich noch an den Werbespot erinnern, in der ein gestandener Mann einen anderen gestandenen Mann beeindruckte, indem er Fotos auf den Tisch knallte und dazu sagte: „Mein Boot! Mein Haus! Mein Pferd! Mein Auto!“? Jetzt stellen sie sich die gleiche Szene vor und der Mann ruft triumphierend „Mein Galanthus woronowii ‘Elizabeth Harrison’! Meine Rhabarbersammlung! Mein weißes Glaucidium palmatum! Mein Polygo-num kahil, von Marianne Foerster geschenkt bekommen!“ Jede Wette, der andere Mann wird schwer beeindruckt sein und die Fotos von seinem Flugzeug, dem Chalet, der Yacht und der eigenen Insel lieber stecken lassen.

Die Welt der Leidenschaften entzieht sich nicht nur der allgemeinen Anerkennung und Bewunderung, auch die sonst in der Gesellschaft verinnerlichten Kosten-Nutzen-Kategorien haben hier keine Geltung.
Die übliche Frage nach dem Sinn seines Tuns stellt sich bei Sammlern ebenso wenig wie die nach der ökonomischen Verwertbarkeit. Man macht etwas, weil man selbst es schön findet und es einem Spaß macht, Punkt. Für den Sammler und noch hundert andere auf der Welt mag Glaucidium palmatum ‘Album’ das Elysium bedeuten, für den Rest der Welt ist es im Gegensatz zu einem Ferrari ohne
jeden Wert.

Die Welt der leidenschaftlichen Sammler ist ein Paralleluniversum mit eigenen Gesetzen und eigenen Wertmaßstäben. Und in diesem Universum sind Pflanzen eben nicht nur Ware, die verkauft wird, sondern Objekte, deren Wert und Schönheit nur Gleichgesinnten deutlich werden kann. Sie können deshalb nur an Menschen weitergegeben werden, die sich ihrer würdig erwiesen haben.

Ich habe in der Washfield Nursery in England keine der wunderbaren Lenzrosen einfach kaufen können, sondern musste mir jede Pflanze nach eingehender Prüfung meines Helleborus-Wissens durch die legendäre Elizabeth Strangman höchst selbst erarbeiten. Der Preis für die Pflanzen war mir, genau wie ihr, völlig egal. Es ging hier nicht um Geld, sondern um Hingabe und Leidenschaft zu den Dingen, die wir mögen.

Wenn Sie etwas von dieser Liebe und Leidenschaft für Pflanzen erleben wollen, gehen Sie im Frühling auf einen richtigen Pflanzenmarkt. Ein richtiger Pflanzenmarkt hat ein Verhältnis von Pflanzenanbietern zu Rosenkugeln und Fressständen von zehn zu eins. Gehen Sie früh hin und gehen Sie gezielt zu den Ständen, an denen Sie sonst immer vorbei-gegangen sind, weil da ja nichts Richtiges blüht. Stehen dort mehrere Männer um Plastiktöpfe herum, in denen keine bunten Bilder in den Töpfen stecken, sondern kaum lesbare handbeschriftete Schilder (Bleistift!), sind Sie dort richtig.

Machen Sie jetzt bitte nicht den Fehler, den Männern über die Schulter zu gucken und beim Anblick eines blauen Leberblümchens zu sagen „Oh, so eins hab ich auch!“ Sie Idiot, das haben Sie nicht! Diese blassblaue, gerüscht-gefüllte Form hat außer dem Mann vor Ihnen kein Mensch auf der Welt! Und die Zahl auf dem Schild bedeutet auch nicht, dass der Züchter noch 1.800 Stück davon hat, sondern das eine Pflanze so viel kostet.

Solche Preise sind aber eigentlich nicht als Verkaufspreise gedacht. Zahlt tatsächlich mal ein Besucher am Stand einen solchen Preis, herrscht allgemeines Staunen. „Wer macht denn sowas?“ Denn die eigentliche Funktion solch hoher Preise ist die eines duftenden Lockstoffs. Ein Pheromon, das andere Sammler anlocken soll und ihnen etwas über die Seltenheit der Pflanze erzählt und Bewunderung im engen Kreis der Sammler garantiert. Sammler unter sich kaufen kaum Pflanzen, sondern tauschen. Eine blassblau gerüscht-gefüllte gegen eine japanische Zwergform mit zerknitterten Blättern.


Was für ein toller Tag!

Der Text wurde mit freundlicher Genehmigung dem nebenstehenden Buch aus dem Ulmer Verlag entnommen. Autoren: Jörg Pfennigschmidt und Jonas Reif.

Die beiden versierten Garten-gestalter Jörg Pfenningschmidt und Jonas Reif berichten mit viel Beobachtungsgabe, einem guten Schuss Selbstironie und Sarkas-mus aus ihren und fremden Gärten. Hier können Sie lesen, was andere Gartenbücher gerne ver-schweigen: Kinder gehören nicht in den Garten, Männer können keine Sträucher schneiden und Rosen sind komplett überflüssig. Eine humorvolle Abrechnung mit dem vermeintlichen Versprechen des „Pflegeleichten“, der „Ökowohlfühl-welt“, Easy-Gardening-Ratgebern und Architekten.

ISBN 978-3-8186-0000-6192,
gebunden, 180 Farbfotos,
Preis € 19,90