Gartenkunst als Kunst von heute

Oliver Hoch, Geschäftsführer des Gartenbauverbandes Berlin-Brandenburg e.V ist vielfach auch als Buchautor,zum Beispiel mit Büchern über Gärten und Parks in Erscheinung getreten. Hier veröffentlichen wir seinen Beitrag aus dem Buch "Idee und Schönheit" der Deutschen Gesellschaft für Gartenkunst und Landschaftskultur DGGL, in dem er sich mit der Definition von Gartenkunst in heutiger Zeit auseinandersetzt.

Was ist „Kunst von heute“?

Wir kennen die Gegenwartskunst als postmoderne Kunst, als die Epoche, die der klassischen Moderne folgt, ohne sie fortzusetzen. Was ihre Abgrenzung legitimiert, wurde viel erörtert. So hat Eco (1973)auf die neue Bedeutungs- und Begrenzungsoffenheit des Kunstwerkes hingewiesen, Danto (1996) sah im Readymade das Ende jeder ästhetischen Kunst. Als weiteren wichtigen Aspekt nennt Ursprung (2010) die Ablösung der kleinen bildungsbürgerlichen Besucherszene der Moderne durch die große Art World von heute.

Die schnelle zeitliche Aufeinanderfolge verschiedener Stilepochen zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts  ist zwischen 1960 und 1970 einer Gleichzeitigkeit der Vielfalt gewichen. Auf das Problem des zwangsläufig ausbleibenden Endes einer solchen Epoche hat zuerst Lyotard 1979 hingewiesen – wir sind also einer longue durée der Gegenwartskunst ausgeliefert. Unvermeidlich gerät die Kunstgeschichte hier in Erklärungsnot: Statt eines Nacheinander vorherrschender Stile diskutieren wir die Rahmenbedingungen verschiedener Richtungen, die nebeneinander Bestand haben. Viel ist dazu von philosophischer, psychologischer und soziologischer Seite zu hören gewesen, während die Kunsthistoriker in die zweite Reihe getreten sind. Kunst der Gegenwart verstehen wir heute vor dem Hintergrund der Person  des Künstlers, seiner persönlichen oder unterstellten politischen Motivation oder aber zeitloser philosophischer  Wahrheiten. Historische Aspekte reduzieren sich zumeist auf die Suche nach künstlerischen Erblinien, deren Behauptung oft genug recht beliebig oder hergeholt erscheint. Mag man diesen Verlust einer historischen Einordnung zugunsten der Diskussion auf der Metaebene auch beklagen, so ist er doch unvermeidliche Folge jener Gleichzeitigkeit der Vielfalt.

In der Gartenkunst aber stand die Grenzlinie zwischen Moderne und Postmoderne bisher nicht im Fokus der Betrachtung. Um sie auch hier zu finden, gilt unser Blick dem Vorher, dem Nachher und deren Rahmenbedingungen.

Was war der Garten der klassischen Moderne?

Zur schnellen Stilfolge der bildenden Kunst um und nach der Zeitenwende von 1918 suchen wir vergeblich nach einer vollständigen Reihe gartenkünstlerischer Dokumente. Hat die große Abstraktion, jener kaum zu überschätzende Paradigmenwechsel von der Darstellung der Natur zur reinen Kopfgeburt, vom mimetischen Anspruch zum endgültigen homo faber, die Gartenkunst je erreicht? Definiert der Duden von 1999 die Gartenkunst als „Kunst der ästhetischen Gestaltung von Ziergärten und Parks“, so sät dies Zweifel an einem Ja: Mit dieser Definition sind wir wieder auf Kants „interesseloses Wohlgefallen“  zurückgeworfen, das schon die Theoretiker der klassischen Moderne hinter sich gelassen hatten. Ist die Suche nach Parallelen zur bildenden Kunst möglicherweise der falsche Ansatz? Schon früh hat Schiller die Gartenkunst in den Kontext der Baukunst gestellt. Finden wir Antworten also eher in der Architektur als angewandter Kunst?  Wo der Faschismus für Jahrzehnte den Blick zurück erzwang, fanden hier die Ideen der Moderne erst nach dem Zweiten Weltkrieg einen Nährboden, der ihnen Entfaltung ermöglichte. Bereits das neunzehnte Jahrhundert aber hatte mit der Gartenkunst gehadert: Als Darstellungsmedium großer weltanschaulicher Strömungen war sie, so Hans von Trotha, schon zu Beginn des bürgerlichen Zeitalters in den Hintergrund getreten. Mit der Romantik hatte sich der Garten als Kunstwerk zunehmend in die Literatur und in die bildende Kunst verabschiedet.

Als die Städte mit der Industrialisierung ins Maßlose wucherten, schlug die große Stunde der Architekten und Stadtplaner. Nicht von ungefähr sehen wir die gartenkünstlerische Qualität des späten Landschaftsgartens vor allem im großen Entwurf, in der ausdrücklich architektonischen Gestaltung der Landschaft. Im Angesicht der sozialen Herausforderungen an die Freiraumgestaltung waren Nützlichkeit und Funktionalität die erklärten Ziele der Gartentheoretiker an der Schwelle zur Moderne. So hielt Leberecht Migge jede Gartenkunst am Vorabend des Ersten Weltkrieges nur noch insoweit für legitim, wie sie eine bedürfnisgerechte Planung zum Ziel habe. Damit aber ist der Begriff der Gartenkunst auf einen Fertigkeitsbegriff im Sinne einer Kunst des Herstellens und Machens reduziert.

>> HIER lesen Sie den Text weiter

Gartenkunst

Idee und Schönheit

DGGL, Deutsche Gesellschaft für Gartenkunst und Landschaftskultur e.V. (Hrsg.)

Versailles, Sanssouci, Herrenhäuser Gärten – das sind Größen der Gartenkunst, ehrenvoll gealtert, gehegt und gepflegt, international bekannt und anerkannt. Doch Gartenkunst entstand nicht nur mit den großen Barock- und Landschaftsgärten. Es gibt auch eine Vielzahl unbekannterer und jüngerer Perlen der Gartenkunst, die nicht minder wertvoll und beachtenswert sind. Und deren Pflege und Erhalt oft großes Engagement und starke Überzeugungsarbeit erfordern.

Dieses Aufgabenfeld gehört zu den Kernthemen der Deutschen Gesellschaft für Gartenkunst und Landschaftskultur (DGGL). Nicht nur in der Vergangenheit, sondern bis heute spielen Gärten und Parks eine wesentliche Rolle in der Gestaltung unserer Städte. Ihre Entwicklung und Erhaltung sind essentiell für eine nachhaltige Stadtplanung. Der 12. Themenband der DGGL gibt einen Überblick über die Geschichte der Gartenkunst, die Ideen, die dahinter stehen und darüber, wie sich Gartenkunst künftig weiterentwickeln kann.

Autor Oliver Hoch…

...ist von Haus aus Diplom Forstwirt. Nach einem Studium der Forstwissenschaft sowie der Philosophie in München, Göttingen und Berlin war er von 1990 bis 1993 hauptberuflich im Bildungsbereich tätig. 1993 bis 1996 erhielt er Lehraufträge, seit 1996 ist er beim Fachverband Garten-, Landschafts- und Sportplatzbau Berlin/ Brandenburg e.V. tätig, dort seit 2008 Hauptgeschäftsführer des Verbandes.
weiter...