Die letzten ihrer Art

Älteste Wildpflanzen-Saatgutbank Deutschlands lagert 7000 Arten auf Eis

Der Erhalt gefährdeter Pflanzen am Naturstandort hat für den Artenschutz Vorrang. Vielfach sind aber auch Maßnahmen außerhalb des natürlichen Lebensraumes sinnvoll, um das Aussterben einer Pflanzenart zu verhindern. Die „Nationale Strategie zur biologischen Vielfalt“ sieht deshalb vor, mindestens 75 % aller gefährdeten Pflanzenarten z.B. in Botanischen Gärten und in Saatgutbanken vorzuhalten. Das Ziel ist, einen repräsentativen Anteil der genetischen Variabilität und die Vitalität der Population zu erhalten.

Im Berliner Botanischen Garten sind es vor allem Samen von seltenen Pflanzenarten, in einer Klimakammer bis auf eine Restfeuchte von drei bis acht Prozent getrocknet, dann zusammen mit Silicagel-Trockenperlen in dicht verschließbare Glasröhrchen abgefüllt und bei minus 20 Grad eingefroren werden.

So sollen die Samen von Astern,- Knöterich und Doldengewächsen wie Möhren und Dill keimfähig bleiben. Jahre, Jahrzehnte und – so hoffen jedenfalls die Experten – sogar Jahrhunderte. Die Wildpflanzen-Saatgutbank des Botanischen Gartens in Berlin gibt es seit 1994, damit ist sie die älteste in Deutschland. 2015 wurde sie dank einer privaten Spende und öffentlicher Mittel modernisiert und ausgebaut. Eines der Programme, die durch die nationale Strategie zur biologischen Vielfalt entstand, ist das „Bundesprogramm Leben.Natur.Vielfalt“. Hier fördert das Bundesamt für Naturschutz mit Mitteln des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit das Projekt „Netzwerk zum Schutz gefährdeter Wildpflanzen in besonderer Verantwortung Deutschlands – WIPS-D“, von dem auch der Botanische Garten Berlin profitiert.

Eine „Rückversicherung für das Leben“ sei die Sammlung, sagte Bundesumweltministerin Barbara Hendricks in ihrer Rede zur Einweihung nach der Modernisierung in Berlin. Denn: Die Bedeutung von Nutzpflanzen ist offensichtlich, die von Wildpflanzen aber meist unbeachtet. Dabei produzieren sie nicht nur lebensnotwendigen Sauerstoff, sondern sind auch wichtig für stabile Ökosysteme.  

Das Archiv des Berliner Botanischen Gartens ist auch wichtiger Tauschpartner für Botanische Gärten weltweit. Die im Netzwerk deutscher botanischer Gärten zusammengeschlossenen Sammlungen arbeiten jeweils an verschiedenen Themensschwerpunkten. In Berlin liegt er bei der heimischen Flora, dazu kommen seltene und vom Aussterben bedrohte Arten aus dem Mittelmeergebiet und dem Kaukasus. Allein in Deutschland sind etwa Dreiviertel der Lebensräume heimischer Wildpflanzen bedroht, zum Beispiel durch Intensivierung der Landwirtschaft. Wir (zer-)stören naturnahe Ökosysteme z.B. durch Agrarindustrie oder Verkehr und Baumaßnahmen. 2014 waren 0,57% der Fläche der Bundesrepublik geschützt, aber auf 4% der Fläche (= 12% der landwirtschaftlichen Nutzfläche) wurde Biomasse (Industriepflanzen) zur Biogaserzeugung angebaut. Die Artenvielfalt derartiger Monokulturen, wie sie zum Beispiel auch auf Maisäckern vorkommt, ist äußerst gering. In Regionen mit hohem Anteil an Maisanbau sind die Ziele des Gewässer-, Boden- und Artenschutzes nicht zu erreichen.

„Bei Bedarf können wir Pflanzen heranziehen und Populationen in der Natur stützen“, sagt Direktor Thomas Borsch vom Berliner Botanischen Garten. Das liegt daran, dass Samen wahre Wunderwerke an Durchhaltevermögen sind. Die meisten können bis auf eine minimale Restfeuchte austrocknen und bleiben trotzdem noch lebensfähig. Die Samen der Lotospflanze gelten als die langlebigsten. Man hat über 1000 Jahre alte Samen dieser Art gefunden, die auskeimten und zu gesunden Pflanzen heranwuchsen. Pflanzensamen enthalten das gesamte genetische Material, sie können fliegen, schwimmen, durch den Magen-Darm-Trakt von Tieren wandern, Hitze, Feuer und Kälte überleben, jahrelang im Dornröschenschlaf verbringen, Hunderte von Kilometern zurücklegen, ohne Schaden zu nehmen. Die Makroraufnahmen, die der Botanische Garten Berlin von seinen Schätzen gemacht hat, (oben im Bild) zeigen, dass Samen auch optisch Kunstwerke sind.

Der Kölner Botanische Garten arbeitet mit lebenden Pflanzen

Getrocknete Samen gibt es im Botanischen Garten in Köln zwar auch, doch die sind nur als Anschauungsmaterial für Auszubildende gedacht. In der Kölner Flora arbeitet man an demselben Ziel wie die Berliner Kollegen – der Erhaltung seltener Pflanzen - aber dafür befasst man sich mit dem lebenden Objekt. Studienobjekte finden sich vor allem im Naturschutzgebiet Thielenbruch auf Kölner und Bergisch-Gladbacher Gebiet, die man in Zusammenarbeit mit dem NABU Köln erforscht. Zu den Pflanzen, die vom Aussterben bedroht sind, und die hier wachsen, zählen zum Beispiel der schöne Sumpf-Stendelwurz aus der Familie der Orchideengewächse und der Sumpf-Dreizack, der relativ viel Salz vertragen kann. Exemplare der Pflanzen, die auf dem Kalk-Flachmoor von Thielenbruch gedeihen, werden behutsam entnommen und dann in der "Flora", dem botanischen Garten, vermehrt, um sie später wieder anzusiedeln. Die Kölner nehmen auch Fremdaufträge an. So werden für einen Standort in Bayern Herzlöffel-Pflanzen herangezogen. In milden Kölner Wintern kommt allerdings auch mal etwas in den Kühlschrank: Samen, die Kälte zum keimen brauchen, oder Gehölze, denen Kälte fehlt.  

IPEN – Internationales Netzwerk für botanische Gärten

Mit dem „International Plant Ex- change Network“ (IPEN) hat der Verband Botanischer Gärten ein transparentes Netzwerk erarbei- tet, das die Aufnahme und Weiter- gabe von Pflanzenmaterial doku- mentiert und die Forderungen der CBD (Convention of biological Di- versity) nach Art.15gewährleistet.

IPEN ist nicht für den kommerziel- len Bereich gedacht; es gilt nur für Botanische Gärten und berück- sichtigt deren nicht-kommerzielle Stellung. Pflanzen werden einmalig mit einer IPEN-Nummer versehen, die sie bei jeglicher Weitergabe behalten; dadurch ist die Herkunft des Materials innerhalb des IPEN jederzeit feststellbar. Verlässt Material IPEN, ist durch eine stan- dardisierte Weitergabevereinba- rung gesichert, dass die Ansprüche des Ursprungslands gewährleistet bleiben.

Zugleich stellt IPEN einen hervorra- genden Kontrollmechanismus dar, um die Herkunft biologischen Materials zurückzuverfolgen und etwaige Vorteilsausgleichsan- sprüche der Herkunftsländer zu sichern. Ein gemeinsamer Verhaltenskodex reduziert den bürokratischen Aufwand auf ein Minimum.

Ziele von IPEN:

  • durch Transparenz deutlich machen, dass botanische Gärten gemäß der CBD handeln
  • Unterscheidung zwischen kommerziellen und nicht-kommerziellen Interessenten in den Ursprungsländern genetischer Ressourcen
  • Anerkennung der botanischen Gärten als Interessenvertreter in den Ursprungsländern

Buchtipp

Pflanzensammler und ihre Leidenschaft
Das Buch "Pflanzensammler und ihre Leidenschaft" - mit einem Vorwort von Loki Schmidt - portraitiert 34 Sammler, die sich den Rosen, Stechpalmen, Lilien, Aasblumen und vielem anderen verschrieben haben. Die Texte spiegeln die Faszination wieder, die von den Pflanzenarten und ihrer erstaunlichen Vielfalt ausgeht. Zusammen mit den zahlreichen Fotos macht es Lust zum selber Ausprobieren. Damit das gelingt, wird jeder Text von Tipps, den Adressen der Sammler und der Pflanzen-Liebhaber-Gesellschaften begleitet.

Autorin: Helga Panten
192 Seiten, Format: 200 x220 mm (Breite x Höhe)
289 Farbfotos, 3 Schwarzweiß-Fotos, 7 Zeichnungen
© 2009 - Helga Panten, Burbacher Str. 119 a, 53129 Bonn,
Tel.: 0228 - 235161, E-Mail: Helga.Panten@gmx.de

ISBN: 978-3-88579-145-4

Netzwerk Pflanzensammlungen

http://www.netzwerkpflanzensammlungen.de

  • vernetzt private Pflanzensammlungen auf einer gemeinsamen Plattform.
  • dokumentiert die Vielfalt der genetischen Ressourcen in Deutschland.
  • unterstützt gefährdete Pflanzensammlungen in der Suche nach Paten.
  • bringt den Kreislauf für den Erhalt von Zierpflanzenvielfalt in Schwung.
  • sichert und bewahrt seltene Pflanzensammlungen auch für zukünftige Generationen.

Das Netzwerk Pflanzensammlungen ist ein Projekt der Deutschen Gartenbau-Gesellschaft 1822 e.V. und Teil der Deutschen Genbank Zierpflanzen.

Weiterführende Links

„Stadtgrün – artenreich und vielfältig“

http://biologischevielfalt.bfn.de/25326.html

„Städte wagen Wildnis“ – 3 Modellstädte stellen sich vor

https://biologischevielfalt.bfn.de/25331.html