Green City - Grün macht glücklich und gesund

Für den Großteil der deutschen Bevölkerung ist das Lebensumfeld städtisch. Urbane Räume stehen für Wachstum und Innovation. Auch zukünftig wird der  Trend in die Stadt anhalten. Doch Architektur und Infrastruktur zeichnen noch keine lebenswerten Stadtbezirke aus. Die Zusammenhänge von Grün und Gesundheit rücken ins Blickfeld. Studien bestätigen: Grünflächen machen glücklich und halten gesund.

Etwa 60 Prozent der Einwohner Deutschlands leben in mittelgroßen und großen Städten ab 20.000 Einwohnern. „Da immer mehr Menschen in unseren Städten leben wollen und leben werden, nimmt die Bedeutung einer Grünen Infrastruktur zu“, betonte Bundesumweltministerin Dr. Barbara Hendricks im Juni vergangenen Jahres beim Bundeskongress „Grün in der Stadt – Für eine lebenswerte Zukunft“ in Berlin. Die Realität sieht noch anders aus: Luftverschmutzung, zubetonierte Straßen und Parkplätze, die wertvollen Boden versiegeln, kalte graue Bürotürme und notorischer Lärm. Solche Faktoren mindern die Lebensqualität der Städter und schaden der Gesundheit.

Die grüne Stadt

Das „Grün der Natur“ gilt als gesunder Gegenpol zur grauen, hektischen Stadt. In der Studie „Zukunft des Wohnens“ (2013), herausgegeben vom Zukunftsinstitut in Kelkheim, fassen die Autoren unter anderem zusammen:

•  „Stadt- und Wohnraumplanung der Zukunft nutzt den öffentlichen Raum als Chance für die alltägliche Dosis Gesundheit und Sport.“

•  „Die Ästhetik der Stadt folgt der modernen Utopie vom grünen und ökologischen Lebensraum. Dabei wird das Grün nicht nur als Seelenbalsam  für die Bewohner eingesetzt, sondern als ein wichtiges Steuerungselement für das Stadtklima von morgen.“

Mediziner raten, dem Verkehr und Feinstaub auszuweichen und sich häufig im Grünen zu bewegen. „Das aber ist bei weitem nicht überall möglich, denn in vielen Städten gibt es immer noch deutlich zu wenig Grünflächen und sie sind nicht gleichmäßig auf das Stadtgebiet verteilt“, sagt Helmut Selders, Präsident des Bundes deutscher Baumschulen (BdB) e.V. Der BdB empfiehlt eine konsequente Durchgrünung der Städte, insbesondere verkehrsnaher Bereiche. Straßenbegleitgrün könne, wenn die richtigen Bäume und Sträucher gepflanzt wurden, einen wesentlichen Beitrag zur Minderung der Feinstaub- und Stickstoffdioxidbelastung leisten.

Die positive Wirkung von Pflanzen, die verkehrsbedingte belastete Stadtluft filtern, ist bereits mehrfach beweisen. Es gelingt eher, wenn die richtigen Pflanzen an der richtigen Stelle platziert sind, damit sie ihre Funktion erfüllen können. Der Klimawandel hat dazu geführt, dass einige Stadtbaumarten von Krankheiten und Schädlingen geschwächt werden oder absterben.Deshalb testet auch die Bayerische Landesanstalt für Weinbau und Gartenbau LWG im Rahmen des europaweit größten Forschungsprojekt „Stadtgrün 2021“ stresstolerante Klimabäume für die Stadt.

Grün ist mehr als nur Ästhetik

Die Farbe Grün an Bäumen, Sträuchern, Gras – umgeben von Vogelgezwitscher – all das kann glücklich machen. Keine andere Farbe wird in so vielen Nuancen beschrieben wie die Farbe Grün: frühlingsgrün, sattes, kraftvolles Grün, lindgrün, lorbeergrün, giftgrün ... Grün gilt als die Farbe der Mitte, sie wirkt beruhigend, ohne zu ermüden, sie wirkt sogar heilend. Schon im Mittelalter erkannte die Äbtistin und Wegbereiterin für viele alternative Therapien, Hildegard von Bingen, die positive Heilwirkung der Farbe Grün für Körper und Seele. Grün fördert auch die Gedächtnisleistung. „Die Natur bietet einen ganz großen Einfluss auf unser Gedächtnis, sagt Carsten Brandenberg, der als Gedächtnistester und -trainer an der Memory-Clinic in Essen tätig ist. Gerade wenn wir versuchen wollen, uns zu entspannen, biete der Wald, die Natur, der Garten eine gute Möglichkeit, unser Gehirn wieder leistungsfähig zu machen.

Britische Forscher: Parks machen glücklicher

Was viele schon vermuteten, bestätigte auch die Studie von Mathew White, am European Centre for Environment & Human Health der Universität Exeter im Südwesten Englands. Der Grünflächenanteil eines Stadtteils steigert das Wohlbefinden und die Lebenszufriedenheit. In seiner Studie „Would You Be Happier Living in a Greener Urban Area?“ (veröffentlicht in der Fachzeitschrift Psychological Science Juni 2013) untersuchte White mit seinen Forscherkollegen den Zusammenhang zwischen begrüntem städtischen Raum und dem Wohlbefinden. Sie werteten repräsentative Daten von über 10.000 Briten aus und überprüften, wie sich Grünflächenanteil, Arbeitslosigkeit, Bildungsrate im Stadtteil auf das kurzfristige Wohlbefinden und auf die langfristige Lebenszufriedenheit auswirken.

Das Ergebnis der Forscher: „Unsere Daten legen nahe, dass der Anteil an städtischen Grünflächen einen bedeutsamen kumulierten Nutzen haben kann. Ein kleiner Nutzen für jeden Einzelnen ist von großer Bedeutung, wenn dieser, wie es im Fall von Grünanlagen ist, viele Menschen berührt.“ Die Ergebnisse seien daher auch für Stadtplaner interessant, die entscheiden müssen, ob in einer Region ein Park gebaut oder andere Infrastruktur eingerichtet wird.

Was ist eine lebenswerte Stadt?

Urbanes Grün bietet viele Möglichkeiten für Erholung, Spiel, Sport und Naturerleben für Jung und Alt. Der demografische Wandel verlangt nach altersspezifisch ausgerichteten Freiräumen. Auf die Frage der Zeitschrift „brand eins“ woran man die Lebensqualität einer Stadt erkenne, antwortete der weltweit gefragte dänische Architekt und Stadtplaner Jan Gehl: „Es gibt einen sehr simplen Anhaltspunkt. Schauen Sie, wie viele Kinder und alte Menschen auf Straßen und Plätzen unterwegs sind. Das ist ein ziemlich zuverlässiger Indikator. Eine Stadt ist nach meiner Definition dann lebenswert, wenn sie das menschliche Maß respektiert. Wenn sie also nicht im Tempo des Automobils, sondern in jenem der Fußgänger und Fahrradfahrer tickt. Wenn sich auf ihren überschaubaren Plätze und Gassen wieder Menschen begegnen können. Darin besteht schließlich die Idee einer Stadt.“ Parks und Grünanlagen tragen dazu entscheidend bei.

Autorin: Christine Wittenzellner

Über die Autorin

Christine Wittenzellner ist Diplom-Kauffrau und als Autorin und Journalistin mit einem Redaktionsbüro in München tätig. Ihre Schwerpunkte sind Trendthemen, Management und Weiterbildung. Sie schreibt für Magazine und Publikationen in Deutschland und im deutschsprachigen Ausland. Als Autorin ist sie Ghostwriterin für Fachbücher und Biografien.

Buchtipp

Jan Gehl:
Städte für Menschen.

Der dänische Architekt und Stadt-planer Jan Gehl befasst sich seit mehr als 40 Jahren damit, Städte, Plätze und ganze Stadtviertel menschenfreundlicher und grüner zu gestalten. Er gilt als einer der einflussreichsten Stadtplaner der Welt. Sein Fokus richtet sich auf die städtebauliche Qualität für Fußgänger und Radfahrer. Damit legte er nicht nur in seiner Heimatstadt Kopenhagen die Basis für mehr Lebensqualität. Er setzte auch in anderen Städten auf der Welt - wie beispielsweise New York City - wichtige Impulse. In seinem neuesten Buch „Städte für Menschen“ präsentiert Gehl seine Arbeit im Bereich Neubau sowie der Umgestaltung städtischer Räume und Verkehrsflächen. Sein Credo: Das Einfachste und Günstigste, was man tun kann, um das Leben in einer Stadt zu verbessern, sei, sich wirklich für die Menschen zu interessieren.

Jovis Verlag 2015, 304 Seiten,
ISBN 978-3-86859-356-3
32 Euro