Über Jahrhunderte haben sich einzigartige Natur-, Kultur- und Industrielandschaften in Deutschland gebildet. Heute sind sie zum Teil schützens- und erhaltenswerte Zeugnisse der Vergangenheit. Sie gilt es zu bewahren aber auch für die Gesellschaft des 21. Jahrhunderts neu zu entwickeln und zu bewerten: ökonomisch, ökologisch, kulturell und infrastrukturell neu Inwert zu setzen.
Plädoyer für einen Parkeintritt – sans souci
„Nichts gedeiht ohne Pflege“.
Es war der Leitspruch von Preußens grünem Genie des 19. Jahrhunderts, Peter Joseph Lenné.
Der würde sich in seinem Grabe auf dem romantischen Bornstedter Friedhof umdrehen, flanierte er demnächst durch eines seiner Meisterwerke, den nahe gelegenen Park Sanssouci. Ein Sehnsuchtsort, der (noch) in gutem Zustand ist, das weniger geschulte Auge des Laien ist entzückt von der Blumenpracht in den Rabatten und den exakt geschnittenen Hecken.
Allein, das könnte schnell anders, schlechter werden und das liegt nicht an der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten (SPSG).
Es ist die Politik, die ein unappetitliches, ja unverantwortliches Spiel treibt. Stadt Potsdam und Land Brandenburg schmücken sich gerne mit der Ikone Sanssouci. UNESCO-Welterbe, Preußisches Arkadien, seit 250 Jahren mehr oder wieder originalgetreu, das Schloss weltbekannt, der Park ein botanisches und gartenkünstlerisches Juwel. Soviel besondere, extravagante grüne Kunst braucht besondere, kenntnisreiche Fürsorge.
„Das Pflegedefizit im Garten ist größer geworden“, bekannte SPSG - Generaldirektor Hartmut Dorgerloh jüngst auf einer Pressekonferenz. Um insgesamt 700 Hektar historische Gärten (davon 290 Hektar Park Sanssouci) muss man sich kümmern, für acht Hektar steht ein (!) Gärtner zur Verfügung. Da ist man alles andere als sorgenfrei. Der Freiwillige Parkeintritt (seit Jahren in Potsdam viel eifriger bezahlt als in Berlin), kann mit 218 000 € das Pflegedefizit bei weitem nicht abdecken. Eine Lösung wäre der Pflichteintritt. Darüber jedoch wird seit Jahren heftigst gestritten, aber nicht entschieden. Dies heiße Eisen mag keiner anfassen, stets gibt es sofort Bürgerproteste, die Politik schreckt zurück, es geht ja um Wählerstimmen.
Die Politik schiebt die Entscheidung weiter
Konkret ist es eine Million € mehr, die von der SPSG benötigt wird. Die rot-rote Landesregierung von Ministerpräsident Platzeck (SPD) hat die Verantwortung auf die Stadt abgewälzt. Die ist nun im Zugzwang, schiebt den Schwarzen Peter aber dem Einzelhandel zu und will das Geld über eine Tourismusabgabe einfordern. Da protestieren Handel und Gewerbe. Eine fatale Quadratur des Kreises. Die Schlösserstiftung gibt der Stadt Zeit bis Juni. Danach fordert sie eine Entscheidung, sollte die Touristenabgabe nicht kommen, will die Stiftung von der Politik den Parkeintritt fordern.
Wie könnte die Eintrittspreisgestaltung aussehen?
Dabei würde der Parkeintritt pro Jahr für Potsdamer Bürger wahrscheinlich um 20 € liegen. Der Preis von zwei Kinokarten. Der einmalige Eintritt dürfte zwischen 2 bis 3 € liegen. Der Preis eines kleinen Eisbechers. Vielen Protestlern – und auch dem normalen Parkflaneur – ist dagegen nicht bewusst, wieviel Pflegeaufwand dieses grüne Gesamtkunstwerk bedeutet. Die vielen Kilometer Formschnitt-Hecken, hunderte von Kübelpflanzen, die aufwändig ins Winterquartier und wieder hinaus in den Park verfrachtet werden müssen. Die jeden Frühling neu gepflanzten tausenden von Blumenzwiebeln, danach allein 15 000 Sommerblumen, die nach barockem Vorbild als elegante >Plates-bandes de fleurs< das Parterre an der großen Fontäne rahmen, das entzückende Rosen-Rondell am Schloss Charlottenhof mit über 400 historischen Sorten. Die kunstvoll beschnittenen Spaliere, Laubengänge und Formgehölze aus Buchs, Eibe oder Lorbeer. Ganz zu schweigen von Baumschnitt, Sanierung der vielen Kilometer Wege, Einhausung empfindlicher Skulpturen im Winter. Dieser Park ist ein grünes Museum, das wächst, lebt, sich verändert, ständige Sorgfalt braucht – siehe Lenné.
Bürgern muss der Wert des Grüns bewusst sein
Es fehlt also auch die Sensibilisierung für dieses einmalige Kunstwerk (vergleichbar mit Herrenhausen, Schwetzingen, Versailles). Das eben nicht über einen Kamm zu scheren ist mit beispielsweise dem Englischen Garten in München oder dem Central Park in New York. Die seien doch auch kostenlos, so Argumente der Gegner. Wer so Äpfel mit Birnen vergleicht, hat aber leider weder historische noch fachliche Kenntnis. Und zum Vergleich: die „Gärten der Welt“ in Berlin-Marzahn kosten 3 €, der Britzer Garten (Berlin) zwischen 3 bis 5 € Eintritt. In Versailles zahlt man zwischen 8 bis 10 €, in Schwetzingen zur Hauptsaison 4 €. Interessanterweise gibt es einen Park in Potsdam, dessen Eintrittsgeld von
1 € (Jahreskarte 17 €) nie zu Protesten führte. Im heutigen Volkspark – ehemaliges BUGA-Gelände – darf man vieles, was in den Parkanlagen der Schlösserstiftung (zu Recht) verboten ist: grillen, spielen, alle möglichen Sportarten ausführen, Party feiern. Dafür ist dieser Park aber weder ein UNESCO-Garten-Kunstwerk noch wird er als touristisches Aushängeschild benutzt. -
Möge Göttin Flora über Politiker und notorische Protestler in Potsdam Erkenntnis und Einsicht aus ihrem Füllhorn schütten.
Christa Hasselhorst
