Über Jahrhunderte haben sich einzigartige Natur-, Kultur- und Industrielandschaften in Deutschland gebildet. Heute sind sie zum Teil schützens- und erhaltenswerte Zeugnisse der Vergangenheit. Sie gilt es zu bewahren aber auch für die Gesellschaft des 21. Jahrhunderts neu zu entwickeln und zu bewerten: ökonomisch, ökologisch, kulturell und infrastrukturell neu Inwert zu setzen.
Über den Wert von Grün zwischen Wirtschaftökonomie und Wohlfahrtsökonomie
Freiräume stellen eine besondere Qualität für eine Stadt dar. Eine Qualität für Ihre Bewohner und Touristen, für potentielle Investoren sowie für Industrie, Handel und Gewerbe. Unter den sich verändernden bundesdeutschen Wachstumsbedingungen in einer globalisierten Welt, d.h. demografischer Wandel und Veränderung der sozio-kulturellen Gesellschaftsstrukturen mit neuen Arbeits- und Produktionsweisen, mit häufig weniger Bedarf an Industrie-, Gewerbe und Wohnbauflächen, treten Städte zunehmend in einen Wettbewerb um Einwohner, Investoren und Touristen. Bei diesem nationalen wie globalen Wettstreit sind „weiche“ Standortfaktoren, sprich urbane Lebens- und Arbeitsqualitäten entscheidend. Städtische Grünräume zählen zu diesen „weichen“ Standortfaktoren und fungieren als wichtige Sicherungs- und Marketinginstrumente für die Stadtentwicklung.
Allerdings stehen städtischen Freiräumen zunehmend leere Haushaltskassen und ein gesellschaftlicher Wertewandel gegenüber. Infolge des degressiven Wachstums von Geld- und Personalressourcen können vorhandene Qualitäten vielfach nicht mehr gehalten werden. Angesichts der gesellschaftlichen wie wirtschaftlichen Veränderungsprozesse sind praktikable Strategien erforderlich, um urbane Freiräume für eine nachhaltige Stadtentwicklung zu sichern und aufzuwerten. Der tradierte „klassische“ Wert vom urbanem Grün mit vorwiegend ökologischen Parametern oder ökonomisch definierten Werten (z.B. Grundstückswerten) verändert bzw. erweitert sich hin zum „grünen urbanen stadtkulturellen“ Reichtum für die neue Stadt- und Gesellschaftsstruktur des 21. Jhdt.
Kultureller Wertfaktor Grün
Vor dem Hintergrund einer Garten – und Parkgestaltung mit Initialfunktion zu über 150 Jahren grüner Stadtentwicklung, weitgehend unter dem Obligo von Staat und Kommune, stellt die Stadt –und Gesellschaftsentwicklung des 21. Jahrhunderts für das urbane Grün eine gewaltige Herausforderung dar. Wo im 19. Jahrhundert für Garten, Park und Landschaft die Sehnsucht des Herrschers nach Präsentation, Phantasie und Repräsentation vorherrschte, steht nun im Rahmen der Spielregeln einer gesellschaftlichen Demokratie im globalen Wettstreit von Städten und Regionen die Identifizierung der Einwohner und Besucher mit ihrem Lebensumfeld im Mittelpunkt. Damit wird das Grün der Stadt, werden urbane Natur und Landschaft zu einem neuen naturalen, Lebensqualität bestimmenden Wertfaktor, den es niveauvoll zu hegen und pflegen gilt. Ein Wert, der nicht Jedem und nicht schnell in seiner Wertigkeit einsichtig ist. Trotz des demografischen und klimatischen Wandels, der Grünanlagen in Städten in der Zukunft noch kostbarer sein lässt. Aber Nachhaltigkeit im Umgang mit Grün bedeutet eben keine kurzfristige Rendite. Werden Gartenschauen einmal nicht als „Olympiade der Gärtner“betrachtet, sondern als Teil der europäisch-abendländischen Kultur, als Bestandteil der Gesellschafts- und Stadtentwicklung im 20. und 21. Jahrhundert, dann ist ein gewagter Vergleich zulässig:
Aus der Historie der Nachkriegsgartenschauen, die halfen zerstörte Städte aufzubauen und ihnen generationensübergreifend Parks für die Zukunft hinterließen, kann man sagen, das auch in den Wendejahren nach dem Mauerfall Gartenschau-Parks zum Überleben, zur Wiedergeburt einer neuen urbanen Stadtgesellschaft, zu einem Selbstwertgefühl, zur kontrovers-kreativen Auseinandersetzung mit Natur, Kunst und Kultur, mit Ökologie und Ökonomie maßgeblich beigetragen haben. Gartenschauen sind damit ein Stück deutscher Gesellschafts- und Kulturgeschichte. Ein unverzichtbarer Bestandteil der wirtschaftlichen und kulturellen Geltung unseres Landes. Ein Wert, der sich subtiler Fiskalbetrachtung entzieht.
- Das, was ein Herbert von Karajan für die Musikkultur des Landes an „Wert“ bedeutet hat,
- was ein Konrad Adenauer oder Helmut Schmidt an „Wert“ für die Politikkultur und die Bemühung um den Frieden bedeuteten,
- was ein Heinrich Böll oder Günther Grass an „Wert“ für die deutsche Nachkriegs- und Gegenwartskultur bedeuten,
- das stellen Gartenschauen als „Wert“ für die Entwicklung der Lebensqualität in Städten seit 60 Jahren dar.
Alle haben viel für die Politik, die Kultur oder die Stadt- und Landschaftsentwicklung getan. Sie sind und bleiben ein Stück Kulturgeschichte. Ich vermag nicht zu beurteilen, ob mehr Menschen pro Jahr im Konzertsaal, der Oper, im Museum oder in Garten und Park Entspannung finden. Ich denke es ist auch zahlenmäßig und wertfiskalisch nicht wichtig. Wichtig aber ist, das alle vier: die Musikkultur, die Politikkultur, die Kunst- und die Literaturkultur, ja und auch die Garten(schau)kultur zur Lebensqualität und zum sozialen Frieden einen unabdingbaren Beitrag leisten. „Weicher Standortfaktor“ sagen wir heute in der Stadtentwicklung. Und meinen eine grüne Kultur, die - ob nun für die Weltmetropole Berlin oder die künftige BUGA-Stadt Havelberg - den gleichen Stellenwert besitzt wie die Philharmonie, die Oper oder die Nationalgalerie. Kultur ist eben nicht nur Mode und Malerei, Szene-Design und Partymeile – sondern auch Gartenschaukultur und daher mit anderen „Wertmaßstäben“ zu definieren als mit Verkaufserlösen und Besucherzahlen.
