Natur und Kultur im Einklang

Die "Art Islands" im japanischen Seto Binnenmeer faszinierten Autorin Claudia Steinberg, die einen Beitrag in der Kunstzeitung darüber verfasste. Auch wenn diese mit Kunst bespielten Inseln 15 Flugstunden von uns entfernt sind, so geben doch schon ihre Beschreibung und Fotos einen spannenden Einblick in den Umgang mit Land Art, die auch europäischen Garten –und Landschaftsarchitekten wie Parkgestaltern Denkanstöße vermitteln kann.

Rot gepunktete Boote kreuzen das Seto Binnenmeer im Südosten Japans, und die riesige Kürbis-Skulptur am Ufer von Naoshima hat man schon entdeckt, bevor die Fähre anlegt. Das hügelige Eiland Kusama und seine Schwesterinseln Teshima und Inujima sind seit zwei Jahrzehnten Wallfahrtsort für sitespezifische Kunst. Ende des 20. Jahrhunderts hatten diese entlegenen Enklaven einer aussterbenden Dorfkultur mit Bevölkerungsschwund, Überalterung und Umweltschäden zu kämpfen, ehe der utopisch gesinnte Milliardär Soichiro Fukutake Künstler, Architekten sowie die Einheimischen selbst zur Errettung der moribunden Idyllen mobilisierte. So baute Futotakes Benesse Stiftung ein Museum an Naoshimas Südseite, das auch ein Hotel mit zehn Zimmern beherbergt. Dort dürfen Gäste unbeaufsichtigt Bilder von Jasper Johns, David Hockney und Jackson Pollock im Pyjama besuchen, vor ihnen nieder knien oder zu ihren Füßen einschlafen.

Auch den Bürgern des Honmura Village wurde Gelegenheit gegeben, mit zeitgenössischer Kunst in Berührung zu kommen: Eine Handvoll der traditionellen Häuser mit ihren würdevollen schwarzen Fassaden aus abgeflämmtem Holz wurden unter ihrer Aufsicht sorgfältig restauriert und jeweils an einen Künstler vergeben. Die wohl eindrucksvollste künstlerische Aneignung einer existierenden Stätte gelang Hiroshi Sugimoto mit einem renovierten Shinto-Schrein aus der Edo-Ära, der auf einer Anhöhe inmitten eines Bambushains steht. Auf die Stufen der Holztreppe zum Altar legte Sugimoto massive Blöcke aus lupenreinem Glas. Die Treppe setzt sich in eine unterirdische Kammer fort, die man durch einen nur schulterbreiten Tunnel erreicht. Als matter Hoffnungsstrahl fällt das Licht in die enge Gruft, doch der Rückweg gibt den ekstatischen, präzise von Bäumen gerahmten Blick auf das Meer frei, und selbst ein atheistisches Herz klopft wild bei dieser symbolischen Wiedergeburt.

Auch das Chichu Museum ist ein dramaturgisches Meisterwerk, das den Betrachter über komplexe geometrische Umwege und optisch verzogene Innenhöfe zu den Exponaten leitet. Aus der Vogelperspektive ist das karge, nur drei Künstlern geweihte Betongebäude nichts als eine Ansammlung dreieckiger und rechtwinkliger Öffnungen, die Räume selbst sind in den Hügel gegraben. Eines dieser Oberlichter ist James Turrells unverglastes Fenster zum Äther – ein instabiles Bild, durch das mal eine Wolke schwebt oder eine Schwalbe fliegt, oder sich auch nur das Blau um ein paar Moleküle verschiebt. Walter de Maria hat eine sakral anmutende Halle mit einer schwarzen Granitkugel von über zwei Metern Durchmesser kreiert, die als eine Art Antisonne ihre ominöse Energie verbreitet. Doch der Star dieses Tempels ist kein anderer als Claude Monet: Der Ankauf des monumentalen Ölgemäldes aus seiner Wasserlilien-Serie gab den Anlass zum Bau des 2004 eröffneten Chichu Museums. Die Präsenz des Impressionisten locke ein breiteres Publikum, erklärt die Kuratorin Kayo Tokuda. Im Kontext der speziell für die Art Islands kreierten Kunst mag der Import einer Suite hundert Jahre alter Bilder aus Europa überraschen, doch dank seiner minutiösen Hingabe an situative Lichtverhältnisse begreift Futotake Monet als verwandten Geist.

Die hundert Jahre alten Überbleibsel einer Raffinerie lieferte den Grundstein für das Inujima Art Museum. Futotake kaufte das missbrauchte Land und heuerte den für seine ökologische Feinfühligkeit bekannten Architekten Hiroshi Sambuichi an. An jeder Biegung, die den kalten Wind in dem 90 Meter langen Kühlungsstollen verlangsamen soll, reflektiert ein Spiegel ein Dachfenster. Dem frierenden, verwirrten Besucher wird jedoch ein immer wieder springendes Licht am Ende des Tunnels suggeriert, das er nie erreicht. Auf Tejima, der wohlhabendsten unter den drei Kunstinseln, hat der Pritzkerpreisträger Ryue Nishizawa ein Museum geschaffen, das sich diskret in die Landschaft verkriecht. Das Haus, eine hauchdünne Betonschale ohne eine einzige Ecke oder Kante, ist ganz der Künstlerin Rei Naito geweiht. Im Innern der hellen Muschel quellen kleine Bäche und Tropfen aus winzigen Öffnungen aus dem Boden, angetrieben vom Wind, der durch den gewaltigen Resonanzkörper braust. Dieses zarte, in die Landschaft gebettete und von ihr durchdrungene Gebäude verkörpert Futotakes Gedanken der subtilen, zeitvergessenen Natur- und Kunstbetrachtung vielleicht am besten. Zugleich repräsentiert es den deutlichsten Gegenpol zum Bilbao-Effekt, denn die “Naoshima Methode” entzieht sich jeglicher krasser Kommerzialisierung.

Der nebenstehende Beitrag ist mit freundlicher Genehmigung der Kunstzeitung, Ausgabe 1/2017 entnommen. Die Kunstzeitung berichtet nicht nur über die aktuelle Kunst-/Museumsszene in Deutschland, sondern lädt oft auch zu Diskursen über Kunst im grünen Freiraum, national und international ein. So auch in der aktuellen Ausgabe (s. Titelcover) vom November 2017 über die Kunst im öffentlichen Raum in Hessen mit dem Beitrag: „Um viele Ecken gedacht“. Die von Lindinger und Schmidt herausgegebene Kunstzeitung erscheint monatlich in einer Auflage von 200.000 Exemplaren und wird über 1900 Verteilerstellen in Europa gelesen.