Maria Sibylla Merian

Eine Kabinettausstellung in Wiesbaden

Vor 300 Jahren endete das erfüllte und spannende Leben der weltbekannten Forscherin und Künstlerin Maria Sibylla Merian in Amsterdam. Dieses Jubiläum wird in 2017 gleich in drei Museen gefeiert: mit der hier vorgestellten feinen Kabinettausstellung im Naturkundemuseum in Wiesbaden, mit den Ausstellungen im Berliner Kupferstichkabinett und des Städel Museums in Frankfurt, wo herausragende Bestände ihrer deutschen naturgeschichtlichen Blumen- und Insektendarstellungen gezeigt werden.

Geboren wurde Maria Sibylla Merian am zweiten April 1647 in der Freien Reichsstadt Frankfurt am Main. Im dritten Lebensjahr verlor sie ihren Vater, den Publizisten und Drucker Matthäus Merian (1593—1650). Von ihm und ihrem Stiefvater Jacob Marrel (1614—1681) übernahm Maria Sibylla besondere Talente. So gilt sie als Mitbegründerin moderner, aufgeklärter Wissenschaften, aber auch als bedeutende Künstlerin und Gestalterin. Schon als Kind beschäftigte sie sich mit Tieren und Pflanzen, deren Lebensweise und Klassifikation. In idealer Weise nutze sie das eigene künstlerische Talent, gefördert durch ihr Umfeld, zum Erkenntnisgewinn und veränderte so die Welt. Fest verwurzelt in der Gesellschaft und im Glauben des 17. Jahrhunderts, ermöglichten ihr das Zeitalter der Entdeckungen und der Beginn der Emanzipation große Entfaltungsmöglichkeiten, die sie auch zu nutzen wusste. Die Ausstellung anlässlich des 300. Todesjahres im Museum Wiesbaden kann nur ungenügend das Leben und das vielfältige Werk von Maria Sibylla Merian vorstellen. Zahlreiche Biographien und wissenschaftliche Aufsätze stehen jedoch dafür zur Verfügung. In Wiesbaden können ihre originalen Tierpräparate aus Südamerika in Augenschein genommen werden, die aus konservatorischen Gründen nur selten die geschützten Depots verlassen dürfen. Der größte Teil ihrer Studienaufzeichnungen zu den heimischen Insekten befindet sich heute in St. Petersburg. Dazu schufen die Präparatoren Malte Seehausen und Felix Richter neun Dioramen, die uns eigenes Forschen ermöglichen.

Die Metamorphose

Zu Zeiten Merians wurde allgemein angenommen, dass niedere Tiere durch Urzeugung (Abiogenese) aus unbelebter Materie entstünden. Erst 1668 gelang es Francesco Redi (1626—1697) in einem Experiment nachzuweisen, dass nur die Ablage von Eiern die Besiedlung eines Fleischstückes mit Fliegenmaden ermöglicht. Die Kenntnis über weitere Vorgänge der Umwandlung der Larvenform zum erwachsenen Tier war äußerst bescheiden. Zu den ersten Bearbeitern des Themas Metamorphose zählt der niederländische Maler und Entomologe Johannes Goedaert (1620—1668), der im Sinne der Aufklärung bereits darauf Wert legte, seine Forschungsobjekte selbst zu beobachten und nicht das vermeintliche Wissen anderer zu kopieren. Seine langjährigen Zuchten dokumentierte er auf 125 Tafeln, die auch Maria Sibylla Merian kannte (Schmidt-Loske, 2007). Merians Interesse an der Natur und im Besonderen an Insekten hatte sicherlich mit ihrem Umfeld zu tun. Geboren in einem liberalen und gebildeten Haus, befreit von finanziellen Nöten, konnte sie bereits als Kind im elterlichen Garten auf Entdeckungsreise gehen. Noch heute wird ein solches Interesse meist schon in der Kindheit erkennbar. Die vom Virus der Insektenkunde (Entomologie) Befallenen bleiben diesem Thema ein Leben lang treu. Schmetterlinge waren in Frankfurt am Main aber auch aus anderen Gründen ein bedeutendes Thema, da hier der europäische Seidenhandel sein Zentrum hatte. In der Region gab es einige Züchter und so entschied sich die dreizehnjährige Merian, den Seidenspinner zu erforschen. Im Gegensatz zu anderen Insekten hatte dieser keinen schlechten Ruf und konnte gefahrlos gezüchtet werden. Ihrem Studienbuch vertraute Merian zeitlebens ihre Ergebnisse an. Dabei gelangen ihr auch komplexe und höchst befremdliche Beobachtungen, wie die Entwicklung von Parasiten. Die Metamorphose ist Grundthema der drei Bücher mit dem Titel „Der Raupen wunderbare Verwandlung und sonderbare Blumennahrung“ (1679, 1683, 1717). Dabei bleibt es bis heute unklar, ob Merian die Metamorphose auch mit Insekten in Verbindung brachte, die im Gegensatz zu Schmetterlingen eine unvollständige (hemimetabole) Verwandlung durchlaufen. So sind beispielsweise die Jugendformen der Heuschrecken nur geringfügig abweichend von den Erwachsenenstadien (Imagines). Es finden sich Hinweise darauf, dass die Entdeckung der Verwandlung der Schmetterlinge von Merian auch auf andere Tiergruppen übertragen wurde, die völlig andere „Metamorphosen“ durchlaufen. So vermutete sie beispielsweise, dass sich die Vogelspinne in einem Kokon verwandle und merkt an: „sie häuten sich von Zeit zu Zeit wie die Raupen, aber ich habe nie fliegende gefunden“.

Zur Ökologie

Die Beziehungen der Lebewesen untereinander und mit ihrer unbelebten Umwelt ist Studienobjekt der Ökologie. Die erste Definition stammt aus dem Jahr 1866 von Ernst Haeckel (1834—1919). Untergliedert wird diese heute in die Bereiche Populationsökologie, Ökosysteme und Lebensgemeinschaften. Letztere sind auch Themen von Maria Sibylla Merian. Insbesondere beschäftigte sich Merian eingehend mit den Wechselbeziehungen zwischen einer einzelnen Art und ihrer Umwelt. Biologische Systeme sind in den meisten Fällen hoch komplex und daher schwierig zu untersuchen. Dafür müssen Grundlagen geschaffen werden. Es fehlen bis heute einfachste Erkenntnisse, insbesondere zur Lebensweise und dem Lebenszyklus einzelner Arten — mögen sie uns noch so häufig begegnen. Zu Merians Zeiten existierte keinerlei Interesse daran, besonders wenn es sich um wirtschaftlich unbedeutende Organismen handelte. Erforschung und Zucht der Raupen setzte das Auffinden der verschiedenen Arten voraus. Daher erwuchs bei Merian die Erkenntnis, dass nicht beliebige Pflanzen die Nahrungsgrundlage der Raupen bilden, sondern in den meisten Fällen ein enges Verhältnis existiert. Die Raupen des Tagpfauenauges finden sich an den Brennnesseln, die des Wolfsmilchschwärmers am häufigsten an giftigen Wolfsmilchgewächsen und der Weidenbohrer an verschiedenen Laubgehölzen. Dieses Wissen vermehrte Merian in erheblichem Maße, auch wenn ihr mancher Fehler unterlief. Ihre Reise nach Surinam ermöglichte die Übertragung ihrer Kenntnisse auf tropische Lebensräume, deren Komplexität dort nochmals gesteigert in Erscheinung tritt. Merians Wissen wuchs an und im Laufe ihrer eigenen Forschung gelang es ihr sogar, Parasitismus zu beschreiben und dem Wechselspiel einzelner Arten zuzuordnen. Das von ihr erforschte Thema ist noch lange nicht abgeschlossen und erfordert weitere Generationen, die daraus geistigen und gelegentlich auch wirtschaftlichen Profit schlagen.

Die Ausstellung läuft bis zum 6. August 2017

Hessisches Landesmuseum für Kunst und Natur

Friedrich-Ebert-Allee 2, 65185 Wiesbaden

Besucherinformationen: www.museum-wiesbaden.de

Die Sammlung im Museum Wiesbaden

Mit der Gründung des Naturhistorischen Museums gelangte eine der größten und ältesten Wirbellosen-Sammlungen nach Wiesbaden. Zu verdanken ist dies Johann Isaak von Gerning (1767—1837), Schriftsteller, Sammler und Diplomat. Sein Vater, der Händler und Frankfurter Bankier Johann Christian Gerning (1745—1802), hatte mehr als 40.000 Exemplare des 18. Jahrhunderts aus aller Welt zusammengetragen. Die Tiere sind in Glaskästchen montiert und mit reichlich Quecksilber vor schädigendem Fraß geschützt worden.
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Katalog zur Ausstellung

Die Sammlung von Maria Sibylla Merian im Museum Wiesbaden
Museum Wiesbaden (Hrsg.) 48 Seiten, 20 Farbabbildungen,                                     
Text: Englisch/Deutsch, 14,8 x 21 cm, 5,- Euro
ISBN: 978-3-89258-110-9

Der Katalog ist vor Ort im Museumsshop erhältlich. Außerdem können Sie ihn gerne per Mail bestellen. Bitte senden Sie Ihre Bestellung an: jessica.krimmel@museum-wiesbaden.de.
Auf Ihre Bestellung wird der Katalog dann auf Rechnung nach Hause gesendet.

Wer sich für Maria Sibylla Merian in der Kunst interessiert, dem sei bis zum 2. August der Besuch im Kupferstichkabinett in Berlin empfohlen: http://www.smb.museum/ausstellungen/detail/maria-sibylla-merian-und-die-tradition-des-blumenbildes.html
Diese Ausstellung wird in etwas veränderter Form im Anschluss im Frankfurter Städel zu sehen sein. Wir bitten ab August dort noch mal nach Informationen und Öffnungszeiten zu schauen: www.staedelmuseum.de/de