Zehn Thesen zur Landschaftsarchitektur

Als kleines theoretisches Fundament seiner Arbeit führte Dieter Kienast zehn Thesen an, die er für die Ausstellung in der Architekturgalerie Luzern 1992 formulierte und die für ihn weiterhin Gültigkeit hatten die hier veröffentlichten Thesen sind eine vom Autor überarbeitete Form von 1996.

1. Unsere Arbeit ist die Suche nach einer Natur der Stadt, deren Farbe nicht nur Grün, sondern auch Grau ist. Natur der Stadt heißt Baum, Hecke, Rasen, aber auch wasserdurchlässiger Belag, weiter Platz, strenger Kanal, hohe Mauer, offen gehaltene Frischluft- oder Sichtachse, das Zentrum und der Rand.

2. Unser Interesse gilt der Stadt und ihren Bewohnern. Die Stadt ist kein monolithisches Gebilde mehr, sondern tausendfach zergliedert und fraktioniert. Die Stadtbewohner sind ein Kaleidoskop artiges Gemisch von Jung und Alt, Gastarbeitern und Alteingesessenen, Geistlichen und Junkies, Managern und Ölfreaks. Diese Heterogenität verlangt nach einer zeitgemäßen Aktion und Reaktion im Außen Raum, was sich einer einheitlichen Durchgrünung der Stadt verweigert.

3. Das alte Gegensatzpaar Stadt und Land hat sich aufgelöst, die Grenzen sind verwischt. Wir gehen davon aus, dass weder der Rückbau der Stadt noch derjenige der Landschaft möglich ist. Die Lesbarkeit, die Erlebbarkeit der Welt beruht aber auf dem Prinzip der Ungleichheit. Zukünftige Aufgabe in dieser Gleichzeitigkeit von Stadt und Land ist deshalb, das weitere Verschleifen der inneren Grenzen und Brüche zu verhindern. Sie müssen wieder sinnlich erfahrbar werden.

4. Die Stadt mit ihren Außen Räumen ist als Ganzes nicht planbar. Wir vertrauen auf die mosaikartigen Eingriffe in der Hoffnung, dass daraus Bedeutung und Erlebbarkeit für den speziellen Ort, aber auch für das Ganze entstehen wird.

5. Unsere besondere Aufmerksamkeit gilt den zahllosen Unorten, die durch Ressortplanung und -gestaltung entstanden sind. Städtebauliche – und damit auch landschaftsarchitektonische – Interventionen erscheinen uns gerade an der Peripherie, den ungeliebten Restflächen der Metropole, von wesentlicher Bedeutung.

6. Wir verstehen Gartenarchitektur als Ausdruck des Zeitgeistes. Ihre Grundlagen sind die aktuellen sozialen, kulturellen und ökologischen Ereignisse, die wiederum nur in ihrem geschichtlichen Kontext verstanden werden können.
Dies bedeutet für uns die Auseinandersetzung mit den wichtigsten Themen der Gartenkunst oder besser der Gartenkultur, die neben den großen Werken des Feudalismus auch die kleinen Gärten der einfachen Leute beinhaltet. Die Zusammenarbeit mit unseren Schwesterdisziplinen Architektur, Ingenieurwesen und bildender Kunst ist uns weniger Notwendigkeit denn Selbstverständlichkeit. Aus der gemeinsamen Arbeit wächst beiderseitige Innovation. Die Auseinandersetzung mit den aktuellen Zeitereignissen erfordert den Einbezug des weiteren kulturellen Umfeldes, die Beschäftigung mit Film und Video, Philosophie und Literatur, Musik und Werbung. Wir hören Bach und Schönberg, Laurie Anderson ebenso wie Phil Glass. Wir vertiefen uns in Sol Lewitt und Walter de Maria, Christo und Carl André. Wir finden nicht nur in Goethes «Wahlverwandtschaften» oder Stifters «Nachsommer» Natur- und Gartenthemen aufgearbeitet, sondern auch bei Blochs «Verfremdungen», in Handkes «Lehre der Saint Victoires» oder Sennets «Civitas». Jacques Tati führt uns in «Mon Oncle» von seinem liebevoll gepflegten Dachgarten über Stadtbrachen in den merkwürdigen Garten seines Schwagers, während Greenaway in seinem «Draughtmans contract» eine Lektion über Gartenkunst und deren gesellschaftliche Bedingtheit vermittelt.

7. Eine weitere Grundlage unserer Landschaftsarchitektur ist die Bezugnahme zum Ort. Dieser reichlich strapazierte Begriff ist für unsere Arbeit unverzichtbar, weil dadurch die Beliebigkeit und Austauschbarkeit von Lösungen verhindert und mehr das Besondere und das Allgemeine möglich wird. Aus der Lektüre und Analyse des Ortes, seines kulturellen, ökologischen und sozialen Zustandes entwickeln wir ein Konzept, das den Bestand auf seine Tragfähigkeit überprüft, ihn vorbehaltlos übernimmt, umformt, neu interpretiert oder auch vernachlässigt. Entscheidend bleibt dabei die Authentizität des Ortes, die sich über die Gestalt, das Material und den Gebrauch definiert. Dies widerspricht einer ängstlich konservierenden Haltung, die mehr die Vergangenheit anstrebt und wenig dazu beiträgt, dass auch die Zukunft wieder einmal Vergangenheit werden kann. Gärten, Parkanlagen und Plätze sollen von ihrer Geschichte erzählen, sie sollen aber auch neue Geschichten erzählen. Sie sind poetische Orte unserer Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.

8. Mit der Umwandlung von Barockgärten in englische Landschaftsgärten im 18. Jahrhundert ist eine Gartenformation entstanden, in der die Wesensmerkmale der beiden gegenteiligen Konzeptionen vereint sind. Früher verächtlich als minderwertiges Stilgemisch bezeichnet, hat man gerade in jüngster Zeit die Qualität und Aktualität dieser Gärten erkannt. In ihren Untersuchungen der kubistischen Malerei und Architektur definieren Rowe & Slutzky die Transparenz als Überlagerung, Vielschichtigkeit, Durchdringung unterschiedlicher Strukturen und Systeme, die Gleichzeitigkeit und Ambivalenz der Lesart ermöglicht. Das Prinzip der Transparenz erscheint uns hervorragend geeignet, städtische Außen Räume zu entwickeln. Sie bejaht die Verschiedenheit, die Heterogenität der Stadt und ihrer Bewohner, kann Altes und Neues aufnehmen, provoziert Bildhaftigkeit dialektische Orte, in denen sich die Gesellschaft, aber auch der Einzelne wiederfinden kann.

9. Natur ist in Stadt und Land selten geworden. Natürlichkeit ist zum höchsten Prädikat avanciert. Das Naturangebot der Stadt ist wie einst das Kulturangebot zum wesentlichen Standortfaktor geworden. Wir meinen, dass es bei einer noch nie dagewesenen gesellschaftlichen Akzeptanz dringend geboten ist, Konzeptionen für städtische Natur zu entwickeln. Es gilt, die Pflanze als städtisches Element wiederzuentdecken und nicht nur als ökologischen oder deontologischen Faktor, als architektonisches Raumelement zu betrachten. Wir sollten lernen, dass es differente Grüntöne gibt, dass Pflanzen unterschiedlich im Wind rauschen, dass nicht nur die Blüte, sondern auch das zu Boden gefallene Laub duftet. Wir sollten den Schatten einbeziehen, die Wirkung des kahlen Geästes im Winter berücksichtigen, die pflanzliche Symbolhaftigkeit aufdecken und ihre Sinnlichkeit erspüren.

10. Es gehört zum guten Ton, sich zum Beweis seiner Fortschrittlichkeit für die naturgewachsene, einheimische Vegetation einzusetzen. In Verordnungen und Satzungen lesen wir, dass das Pflanzen nichteinheimischer Bäume und Sträucher untersagt ist. Mit dem Hinweis auf den ökologischen Notstand werden Platane, Sommerflieder und Falscher Jasmin zu Feinden des Gartens erklärt und dafür die Brennnessel, der Wegerich und Beifuß unter Schutz gestellt. Es ist ein Verdienst der Ökologiebewegung, dass sie die Unsinnigkeit wöchentlicher Giftspritzerei und die Anpflanzung bodendeckender Monokulturen angeprangert hat. Die strikte Ablehnung von Zucht, Auslese und Veredelung ist aber gleichermaßen unverantwortlich, weil sie Jahrhunderte altes Handwerk und damit Gartenkultur selber negiert. Wohl niemand wird den Vorzug des «Berner Rosenapfels» gegenüber dem Wildapfel in Frage stellen, und gelegentlich essen wir ganz gern Kartoffeln. «Gebt den Fremdlingen eine Chance», hat Jürgen Dahl in einem «Zeit»-Artikel gefordert und dabei sowohl Pflanzen als auch Tiere und Menschen gemeint. Dieser Forderung schließen wir uns vorbehaltlos an. Städtische Vegetation lebt mit und von ihrer Gegensätzlichkeit, sie ist zugeschnitten und wildwachsend, vielfarbig und einheitlich grün, üppig und karg, einheimisch und fremd. Pflanzen sind nützlich. Sie verbessern das Klima und sind Habitat für Tiere und Menschen. Pflanzen stehen aber auch für das Naturversprechen der Stadt, das von besonderer Bedeutung für unseren Lebensalltag ist. Bertold Brecht hat das so formuliert: «Befragt über sein Verhältnis zur Natur sagt Herr K.: ‹Ich würde gerne mitunter aus dem Hause tretend ein paar Bäume sehen. Besonders, da sie durch ihr Tages- und Jahreszeit entsprechendes Andersaussehen einen so besonderen Grad von Realität erreichen. Auch verwirrt es uns in den Städten mit der Zeit, immer nur Gebrauchsgegenstände zu sehen. Häuser und Bahnen, die unbewohnt leer, unbenutzt sinnlos wären. Unsere eigentümliche Gesellschaftsordnung lässt uns ja auch die Menschen zu solchen Gebrauchsgegenständen zählen, und da haben Bäume wenigstens für mich, der ich kein Schreiner bin, etwas beruhigend Selbständiges, von mir Absehendes, und ich hoffe sogar, sie haben selbst für den Schreiner einiges an sich, was nicht verwertet werden kann. Warum fahren Sie, wenn Sie Bäume sehen wollen, nicht einfach manchmal ins Freie?› fragte man ihn. Herr K. antwortete erstaunt: Ich habe gesagt, ich möchte sie sehen aus dem Hause tretend.»

Die zehn Thesen sind der e-collection der DISP Hefte der ETH Zürich entnommen:
e-collection.library.ethz.ch/eserv/eth:22383/eth-22383-14.pdf

Alle Aufsätze in dem Heft wenden sich in Gedenken an Dieter  Kienast einer zentralen, mit seinem Schaffen eng verbundenen Fragestellung zu dem Verhältnis von Landschaftsarchitektur und Landschafts-/Stadt- und Raumplanung zu.


Mit Anette Freytags Buch über Dieter Kienast liegt nun die erste und umfassende kritische Auseinandersetzung mit einer charismatischen Leitfigur der europäischen Landschaftsarchitektur vor. In ihrer breiten wie tiefgehenden Studie schlüsselt sie anschaulich auf, wie Entwurf, Theorie und Darstellung bei Kienast miteinander verwoben sind und sich in seinem Werk künstlerische, wissenschaftliche, intellektuelle und soziale Aspekte vereinen.

Das Buch ist gerade mit dem Deutschen Gartenbuchpreis 2016 in der Kategorie "Bestes Buch zur Gartengeschichte" ausgezeichnet worden.

mehr zum Buch hier...

ETH-Medaille für Dissertation zu Dieter Kienast

Zur Preisverleihung der ETH Zürich gab Anette Freytag, die Autorin des im Februar 2016 erschienenen Buches über Dieter Kienast ein Interview, aus dem wir sie hier zitieren:

Was bleibt heute von Kienasts Werk relevant?

Im deutschsprachigen Raum hat Kienast eine ganze Generation von Landschaftsarchitektinnen und Landschaftsarchitekten geprägt. Mich beeindruckt, wie er im Kontext einer sich verändernden Gesellschaft immer neue Lösungen gesucht und gefunden hat, was die Gestaltung von Freiräumen angeht, die lebenswert und zugleich schön sein sollten. In diesem Sinne vertreten Kienasts Arbeiten indirekt auch einen didaktischen Anspruch, indem sie zur Reflexion über das eigene Naturverständnis anregen bzw. in manchen Fällen die Bedingungen für das Gestalten mit Natur in der Stadt bewusst ausstellen. Die unauflösbare Dichotomie von Natürlichkeit und Künstlichkeit
in einer landschaftsarchitekto- nischen Anlage hat er immer wieder zum Thema seiner Gestaltung gemacht.