Von urbaner Fischzucht bis zum Arche-Park

Nachhaltigkeit ist auf der IGA Berlin 2017 eines der zentralen Themen. In mehreren Projekten wird nicht nur erkundet, wie wir künftig unser Leben umweltverträglicher gestalten können. Auch die Infrastruktur der IGA ist auf Schonung ausgelegt.

Es ist ein Alltagshandgriff, routiniert ausgeführt, in einer Sekunde erledigt: der Griff zur Klospülung. Wohl den wenigsten Menschen ist in diesem Moment bewusst, dass mit dem Spülwasser auch wertvolle Ressourcen in die Kanalisation rauschen. Die Rede ist von Phosphor, Voraussetzung tierischen wie pflanzlichen Lebens auf der Erde, Grundbestandteil vieler Düngemittel – und auf der Erde ein begrenzter Rohstoff, dessen Vorräte zu Neige gehen. Während Phosphor auf dem Feld die Ernte begünstigt, ist das chemische Element in Gewässern weniger erwünscht, da es dort die Algenblüte fördert. Herausgefiltert werden muss das Phosphor in der Kläranlage in jedem Fall – die Berliner Wasserwerke gehen seit 2010 einen Schritt weiter und gewinnen den Stoff aus dem Klärschlamm zurück, um ihn als Recycling-Dünger „Berliner Pflanze“ auf den Markt zu bringen.

Geschlossene Kreisläufe für die Nachhaltigkeit

Das mit dem GreenTec Award ausgezeichnete Projekt der Berliner Wasserbetriebe ist einer von zahlreichen Beiträgen, mit denen die IGA Berlin 2017 in ihrem Sonderausstellungsbereich „Horizonte“ mögliche Antworten auf die Frage aufzeigt, wie wir in Zukunft nachhaltig leben wollen. Einen anderen Ansatz für die Düngemittelproblematik präsentiert das Berliner Unternehmen TopFarmers. In einem geschlossenen Kreislauf erzeugt die Firma Fisch, Gemüse und Tropenfrüchte, und das mitten in der Stadt, ohne umweltbelastende Transportwege bis zum Verbraucher. Während die Fische durch ihre Ausscheidungen helfen, die Pflanzen zu düngen, reinigen letztere wieder das Wasser für die Fische. „Nachhaltigkeit ist ein Leitbild der IGA“, erklärt Projektmanagerin Andrea Gerischer. Dieses Leitbild äußert sich in den inhaltlichen Beiträgen auf der Gartenausstellung, es wohnt als Prinzip der ganzen Veranstaltung inne, wenn etwa in der Gastronomie, wo immer möglich, mit Mehrwegsystemen statt mit Wegwerfgeschirr gearbeitet wird. „Es äußert sich auch in einem sinnhaften Einsatz der Investitionen. Damit diese nicht verpuffen, sondern tatsächlich dem Ort auch nachhaltig zu Gute kommen. Und dann gibt es noch den zugrundeliegenden Layer“, erklärt Gerischer, „das ist die Daueranlage selbst.

Mehr erhalten, pflegen, bewahren, als temporär inszenieren

Es wurde sehr sorgfältig darauf geachtet, dass möglichst viel des Gartenausstellungsprogrammes dauerhaft bestehen bleibt.“ Früher standen Gartenschauen in der Kritik, da für ein einmaliges Ereignis teils bestehende Parkflächen umgewandelt wurden, ohne einen bleibenden Wert zu schaffen. „Normalerweise“, nennt Gerischer ein Beispiel, „werden beispielsweise Rosen gezeigt, und der Rosenbeitrag verschwindet nach der Gartenschau wieder.“ In Berlin soll das anders sein. „Materiell bekommt Marzahn-Hellersdorf eine tolle Parkanlage, die mit den unterschiedlichsten Angeboten tatsächlich eine Bereicherung für den Ortsteil sein wird“, so Andrea Gerischer. „Was ich wichtig finde, ist aber auch, dass in so einem ereignisorientierten Projekt ganz viele Netzwerke entstehen, zum Beispiel im Bereich der Umweltbildung.“

Die Aktivitäten zur Umweltbildung werden auf der IGA gebündelt als „IGA-Campus“. Unter diesem Begriff ist ein Programm mit mehr als 2500 Veranstaltungen zusammengefasst, ein Großteil davon findet im „IGA-Klassenzimmer“ für Kinder und Jugendliche statt, die sich mit Kita oder Schulklassen in Gruppen anmelden können. Wissen über die Natur wird aber auch in der Form von „Ferienabenteuern“ für den Nachwuchs oder als „Familienerlebnis“ für Alt und Jung vermittelt. Im Sinne der nachhaltigen Nutzung wird das neuerrichtete Umweltbildungszentrum am Westufer des Wuhleteichs auch über die IGA Berlin 2017 hinaus als Lernort für den Bezirk erhalten bleiben.

Teil des langfristigen Nachnutzungskonzepts der IGA ist auch der „Arche-Park“: Weideflächen, auf denen vom Aussterben bedrohte heimische Nutztiere zu finden sind, die Rinderrasse „Rotes Höhenvieh“ etwa oder Skudden, eine der ältesten Schafarten der Welt. Sie sollen, ebenso wie drei Dülmener, eine ursprüngliche Pferderasse, in Berlin nicht nur eine neue Heimat über die IGA hinaus finden, sondern hier Nachkommen zeugen und so zum Erhalt der Arten beitragen. Gleichzeitig pflegen die Tiere beim Grasen auf ganz natürliche Art die Weidelandschaften.

Das Flächenbuffet auf dem Weltacker verblüfft alle

Eher experimentellen Charakter hat dagegen der „Weltacker“. Das Projekt geht von der Zahl von 2000 Quadratmetern Ackerfläche aus, die jedem Menschen auf dem Planeten Erde rein rechnerisch zur Verfügung stehen. Auf ebenso vielen Quadratmetern Acker in Marzahn-Hellersdorf demonstrieren die Initiatoren anhand eines „Flächenbuffets“, wie viel Ackerfläche ein bestimmtes Gericht einnimmt. So lässt sich anschaulich nachvollziehen, dass eine Portion Currywurst mit Pommes mit vier Quadratmetern achtmal soviel Fläche beansprucht wie ein Teller Spaghetti mit Tomatensauce, der gerade einmal einen halben Quadratmeter benötigt.

Als Teil ihres nachhaltigen Engagements sehen die IGA-Veranstalter auch die Fortbewegung auf der Gartenausstellung selbst. Wer das Gelände aus der Luft betrachten will, kann dies flächenschonend und emissionsarm mit einer Seilbahn tun, der ersten in Berlin seit 50 Jahren. Fünf Minuten dauert die Panoramafahrt. Zeit, die bunte Pracht am Boden zu betrachten – oder aber nachzudenken über die Fragen einer nachhaltigen Zukunft für die Welt, die der Besuch aufgeworfen hat.      

Text von Robert Kalimullin, TAZ

Nachhaltigkeit erleben auf der IGA Berlin 2017

"Horizonte" auf der IGA erweitern

Einer der Höhepunkte im Ausstellungsbereich "Horizonte" ist die im Auftrag der Berliner Stadtwerke entworfene begehbare Müllskulptur „Sammlers Traum“. Führungen finden vom 24.4.-6.10. (täglich, außer 15.09.) von 13.30 Uhr bis 14 Uhr und von 14.15 Uhr bis 14.45 Uhr statt. Weitere Highlights im Ausstellungsbereich sind der digital gesteuerte „IP-Garten“ oder die „Bambuswelten“, eine von der „Malzfabrik“ initiierte Tafel, die Besucher in Austausch miteinander bringen soll sowie die Präsentationen der Berliner Wasserbetriebe und der TopFarmers.

Aktuelle Termine werden unter iga-berlin-2017.de/projekte/horizonte veröffentlicht.

Im Rahmenprogramm findet u. a. statt:

13.9.:  Nachhaltigkeits-Symposium  „Stadt. Land. Welt. Natur-Ressourcen verantwortlich nutzen“

In den Seeterrassen am Umweltbildungszentrum ist sonntags Familienzeit:

16.+23.7., 13.+20.8., 3.+10.9. (je 45 Min.): Ein bisschen Wildnis bitte! Naturnahe Garten-Workshops für die ganze Familie