Urbaner Freiraum 4.0 – grüne Infrastruktur und soziale Integration

Vor genau zehn Jahren, im Jahr 2007, wurde eine historische Grenze überschritten. Erstmals lebten mehr Menschen in Städten als auf dem Land. Seitdem werden die Gesellschaft und die Stadt- und Raumentwicklung von einem Approach geprägt: Urbanisierung. In den kommenden zwei Jahrzehnten steht die größte Völkerwanderung der Geschichte an. Schon jetzt lebt jeder zweite Mensch in einer Stadt; einem aktuellen UNO-Bericht zufolge werden es im Jahr 2050 m75 % der Weltbevölkerung sein. Der Trend zur Verstädterung und damit Ausdehnung der Metropolen hat gerade erst richtig begonnen.

Städte gelten (noch) als die verheißungsvollen Orte des guten Lebens, gleichzeitig sind sie aber auch Hauptverursacher der globalen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts: Umwelt- und Verkehrsprobleme, soziale wie ökologische Herausforderungen, kontinuierliche Flächenausdehnung mit Versieglung und Inanspruchnahme wertvoller Naturräume. Trotz aller Erkenntnisse zur Folgenabschätzung und politischen Handlungsbekundungen werden zahlreiche Probleme zunehmen. Jüngstes Beispiel: 2002 hatte sich Deutschland mit der Nachhaltigkeitsstrategie vorgenommen, den täglichen Flächenverbrauch, d.h. Versiegelung und Betonierung, bis 2020 auf 30 ha/Tag zu reduzieren. Derzeit sind es 69 ha/Tag. Der im August 2016 vorgestellte zukünftige Bundesverkehrswegeplan führt zu 2,89 ha/Tag Versiegelung – nicht ein WENIGER, sondern MEHR ist die Folge. Die „Umwelt“-konsequenzen infolge der Versiegelungen sind bekannt und immer wieder erlebbar.

Smart-City Netzwerke für Lebensqualität im urbanen Raum

Vielleicht ist eine solche dramatische Entwicklung in einer auf Konsum- und permanenter Wachstumssteigerung bedachten Gesellschaft auch nicht vollständig vermeidbar. Daher ist die Suche nach neuen Lösungsansätzen eine der unabdingbaren Konsequenzen. Zu den wichtigsten globalen und regionalen Herausforderungen zählen:

- Die Steuerung der Dynamik des rasanten Städtewachstums bei gleichzeitig schrumpfenden Regionen

-  die Veränderungen der durch den Klimawandel bedingten ökonomischen wie ökologischen Auswirkungen, z. B. durch Extremereignisse (Hochwasser, Sturm)

- Die Verknappung der endlichen Ressourcen. Die zunehmende Verknappung von Energie- und Naturressourcen sowie von fossilen und strategischen Rohstoffen erfordert zukünftig eine wesentlich effizientere Verwendung wie auch einen deutlich höheren Bedarf an erneuerbaren Ressourcen.

Dieses stellt die Gesellschaft, die Stadt-, Umwelt- und Landschaftsplanung nicht nur vor neue technologische Herausforderungen, sondern vor die Notwendigkeit, auch die (frei-)Raum- und Landnutzung entsprechend neu zu adaptieren und mit neuen Funktionen zu versehen. In der Stadt werden viele Ressourcen auf engstem Raum beansprucht; die Anforderungen hinsichtlich Effizienz, Steuerung und Resilienz sind daher besonders dominant. Der lokalen, regionalen und globalen Vernetzung aller Problemfelder mit innovativen, aktivierenden und bewegungsorientierten Beteiligungsmethoden kommt diesbezüglich eine bis dato wenig beachtete Bedeutung zu. Die „Wunderwaffe“ unter dem Begriff „Smart City“, „smarte“ Stadtregion oder „urban Future 4.0“ wird auch für den (grünen) urbanen Freiraum eine nachhaltige Wertigkeit erlangen.

„Wunderwaffe“ Smart City

Smart City ist ein Sammelbegriff für gesamtheitliche Entwicklungskonzepte, die darauf abzielen, Städte und ihre Teilsystem (Gebäude, Infrastruktur, Freirräume, Gesundheitswesen, Umweltbelange etc.) effizienter, technologisch fortschrittlicher, grüner und sozial inklusiver zu gestalten. Die Ansätze beinhalten technische, wirtschaftlich, ökologische und gesellschaftliche Innovationen, die – je nach Lösungsstrategie - mit Begriffen zu lösungsstrategischen Konzepten wie Smart Mobility, Smart Health, Smart Home oder Smart Food Grid thematisiert werden. Smart City ist eines der Leitbilder für die wichtigsten EU-Stadt-Förderprogramme der nächsten fünf bis zehn Jahre.

Bislang gibt es keine allgemein anerkannte Definition und nur wenige Definitionsvorschläge zu Smart City. In einer Studie für die Wiener Stadtwerke wurden beispielweise verschiedene Handlungsfelder und eine Definition entwickelt: Smart City bezeichnet eine Stadt, in der systematisch Informations- und Kommunikationstechnologien sowie ressourcenschonende Technologien eingesetzt werden, um den Weg hin zu einer postfossilen Gesellschaft zu beschreiten, den Verbrauch von Ressourcen zu verringern, die Lebensqualität der  Bürger und die Wettbewerbsfähigkeit der ansässigen Wirtschaft dauerhaft zu erhöhen  – mithin die Zukunftsfähigkeit der Stadt zu verbessern. Dabei werden mindestens die Bereiche Energie, Mobilität, Stadt- und Grünplanung und Governance berücksichtigt.

Mediale und soziale Vernetzung sichern unsere Zukunft

Elementares Kennzeichen ist die Integration und Vernetzung aller die Stadt und die Gesellschaft beeinflussenden Bereiche, um die so erzielbaren ökologischen und sozialen Verbesserungspotenziale zu realisieren. Wesentlich sind eine umfassende Integration sozialer Aspekte der Stadtgesellschaft sowie ein partizipativer Zugang. Da diese Definition sehr kompakt und umfassend ist, wird mit Blick auf zentrale Themen eine Konkretisierung vorgenommen. In Bezug auf Energie und Ressourcen impliziert Smart City zum Beispiel:

- Langfristig von Öl und anderen fossilen Energieträgern unabhängig zu werden (Beispiel Solarstraßen in Frankreich, Energiegewinnung über Fahrradwege in Amsterdam, Gewinnung von Bewegungsenergie von Fußgängern in New York) 

- neue Technologien im Bereich Infrastruktur, Freiraum, Gebäude, Mobilität etc. intelligent zu vernetzen, um Ressourcen (Energie-Wasser, Pflege- und Wartungsarbeiten etc.) hocheffizient zu nutzen

- Zukunftsfähige Mobilitätsformen und deren infrastrukturelle Voraussetzungen zu antizipieren und zu realisieren.

- Integrierte (Stadt-)Planungsprozesse zu forcieren (z. B. integrierte Energieplanung)

- Platz für Innovationen und Erprobung von neuen Ideen zu schaffen („Living labs“)

- Die Bürger bei der Umsetzung von Maßnahmen in bisher nicht üblichem Umfang aktiv einzubinden, zu beteiligen und (auch zu unpopulären Maßnahmen) zu überzeugen.

Bürgerberatung – eine der wichtigsten Aufgaben der Kommunen

Auf Grundlage dieser Definition wurden u. a. vom Schweizer Bundesamt für Energie und in der Normungsroadmap Smart City ähnliche Definitionen formuliert. Zentrale Bedeutung kommt dabei den kommunalen bzw. städtischen Verwaltungen als administrativ-rechtliches „Headquarter“ der Stadtentwicklung zu. Sie werden sich von einer öffentlichen zu einer offenen Verwaltung weiterentwickeln. Der Slogan vom „Rathaus als Machtzentrale der Politik zum beratenden Haus für die Gesellschaft“ bedeutet: Die Risikoabwägung ist zentraler Bestandteil dieser Verwaltung. Durch die Bereitstellung offener Daten und Dienste wird sich die Verwaltung zunehmend als Plattform für innovative urbane Anwendungen und Lösungen Dritter verstehen.

Die Verknüpfung technischer Innovationen mit gesellschaftlichen Perspektiven, neuen Governanceformaten und Partizipationsstrukturen zeichnet diese Entwicklung aus. Sie schließt die Bereiche Gesundheitsversorgung, öffentliche Sicherheit, Verkehr und Energie genauso ein wie den Umgang mit urbanen Frei – und Grünräumen. Die fundamentale Herausforderung wird darin bestehen, zu hinterfragen und klären, wie  - quer durch alle Themen – die Menschen vor Ort mit neuen technischen Infrastrukturen, Steuerungssystemen, Netzwerken und städtischen Räumen interagieren und zu neuen Handlungs- und Verhaltensweisen veranlasst werden. Smart City existiert nicht „an sich“, sondern erfordert Smart People, die smarte Städte in ihren Handlungen tagtäglich realisieren und aktualisieren müssen – sowohl top-down als auch bottom-up. Zahlreiche positive Ansätze – u. a. aus Wien, Kopenhagen, Amsterdam, Barcelona, Singapur, San Francisco zu ganz unterschiedlichen Themenfeldern  - sind bekannt oder im Entstehen. Immer wieder wird deutlich, dass die Entwicklung bestehender städtischer Räume die eigentliche Herausforderung ist. Es werden zwar auch einzelne neue Stadteile (Wien) gebaut, aber vor allem gilt es, die bestehenden städtischen Strukturen weiterzuentwickeln.

Fazit

Die bisher realisierten Konzepte, die weltweite, fast euphorische Aufbruchsstimmung mit den  bisher erkennbaren Erfolgen zeigt, dass es sich lohnt, nach neuen und unkonventionellen Strategien  zu suchen. Wie hat bereits vor über 2.500 Jahren der Prophet Jeremia die damaligen Bürger aufgefordert: „Suchet der Stadt Bestes,… denn wenn’s ihr wohlgehet, so gehet es euch auch wohl.“

Autor: Professor Dr. Klaus Neumann, Landschaftsarchitektur, urbanes Freiraum Management, Sachverständiger für Landschafts- und Naturschutz, UVP, Consulting, Management, Planung, Projektsteuerung, Berlin

Stress and the City

Wie das Großstadtleben unsere Psyche verändert

Machen Städte krank? Schadet Stadtleben unserer Psyche? Macht nur Landleben glücklich? Provokante Fragen mit brisantem Hintergrund. Denn 2050 werden rund siebzig Prozent der Weltbevölkerung in Städten leben. Immer mehr Millionenstädte verändern das Gesicht der Erde. Sie sind die Zentren unserer Gesellschaften. Die Menschen profitieren von der Vielfalt, den kulturellen Ressourcen und den Möglichkeiten zur persönlichen Entfaltung. Gleichzeitig prägen Dichte, Lärm, Hektik, Gewalt und Anonymität den urbanen Alltag. Der Arzt und Psychiater Mazda Adli fragt, wie unser Gehirn auf die permanenten Reize in der Stadt reagiert und ob uns sozialer Stadtstress krank machen kann. Urbanisierung, so sein Fazit, wird sich für unsere Gesundheit als mindestens so relevant erweisen wie der Klimawandel. Gesunde Städte zu formen wird deshalb eine immer dringendere sozial- und gesundheitspolitische Notwendigkeit. Adli plädiert für eine Neurourbanistik, einen interdisziplinären Ansatz für Wissenschaft, Kultur und Politik, um neue Visionen für unsere Städte zu entwerfen. Er sagt: Städte sind gut für uns – wir müssen nur lernen, sie zu lebenswerten Orten zu machen.

Webadressen für Best-Practise Beispiele:

Energiegewinnung im öffentlichen Raum – Solarstraßen: www.aztecsolar.com

Energiegewinnung im öffentlichen Raum – Fahrradwege: www.solarroadways.com

Energiegewinnung im öffentlichen Raum – Fußwege: www.silverspringnet.com